Drei brillante Konzerte – Weg in eine «digitale» Zukunft

Eigentlich war «digital» nicht das richtige Wort. Aber jeder weiss, was gemeint ist. Unter www.gstaaddigitalfestival.ch stellten die Organisatoren des Gstaader Menuhin Festivals in diesem Jahr ihr Programm kostenfrei zur Verfügung.

Wir haben drei dieser «Online-Konzerte» verfolgt, und geben unsere Eindrücke hier ebenso online wieder. Dabei hat sich der Korrespondent einen Konzertabend ganz besonders „vorgenommen“. Ein Abend, an dem nicht nur die interpretatorische Exzellenz und die «digitale» Vermittlungsform im Vordergrund standen. Sondern ein Abend, an dem die künstlerische Reife und Vielschichtigkeit des Komponisten wie der beiden Interpreten in der Kirche von Saanen ein einmaliges Zusammentreffen höchster Kunst in verschiedenster Form erlaubt hat: Daniel Behle (Tenor) und Jan Schultsz (Hammerklavier) trugen am 14.8. Lieder von Beethoven vor.

Daniel Behle und Jan Shultsz

An diesem Abend kam Vieles zusammen, vieles was das im Übrigen hoch professionell inszenierte und übertragene Video-Streaming (das bedeutet hier «digital») schon bald in den Hintergrund treten liess: Einer der weltbesten Mozart-Tenöre, einer der versiertesten, leidenschaftlichsten Liedbegleiter und Dirigenten unserer Zeit – und einer der grössten Komponisten aller Zeiten, Ludwig van Beethoven.

Jan Shultsz leitet das «Engadin Festival» in St. Moritz, gilt aber als höchst erfahrener Dirigent und Kammermusiker, eine Kombination, die ausgesprochen selten ist. Daniel Behle ist als Konzert-, Lied- und Opernsänger gleichermassen erfolgreich und macht zunehmend auch als Komponist von sich reden. Sein breit gefächertes Repertoire reicht von barocken Meisterwerken und klassisches und romantisches Repertoire bis hin zu den Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Beethoven vorzustellen ist überflüssig, und doch hat gerade dieser Abend dazu geführt, dass man auch noch fast unbekannte Seiten an dem grossen Komponisten entdecken konnte: Sein enormes Lied-Schaffen. Und das Repertoire, die Liedauswahl, dieses Abends ist es wert, wenigstens in Auszügen besprochen zu werden.

Superlative sind selten angebracht, aber Behles Vortrag liess in hervorragender Weise in allen Liedern vor allem den Text zur Geltung kommen, und er machte die Musik bisweilen zur Helferin des dichterischen Ausdrucks. Dies zu grösstem Erstaunen auch da, wo er Englisch (auch das gibt es bei Beethoven) oder Italienisch singt, was gleich in mehreren Liedern der Fall war.

Der lyrische Tenor Daniel Behle mit den «heldischen» Fähigkeiten, wie er es selbst nennt, hatte es schon im vorauslaufenden Interview ausgesprochen: Seine lange Opernerfahrung versetzte ihn in die Lage, neben den ungemein feinen und kultiviert gesungenen Passagio-Stellen auch ausgesprochen starke, «heldenhafte» Gesten in den Vortrag einzubauen, die den zum Teil wunderschönen Texten der beethoven-Leider eine noch grössere Tiefe verliehen.

Pallavi Mahidhara

Doch schon die früheren Abende der digitalen Konzertreihe hatten überzeugt: Äusserste, extreme Intensität, eine kaum glaubliche Intelligenz, eine Art «Durchsichtigkeit» des Vortrages und der Empfindung, das waren die schon zuvor, am 12.8., die Kennzeichen des Vortrags der jungen indisch-amerikanischen Pianistin Pallavi Mahidhara, die in der Kirche von Rougemont, im Rahmen der Konzertreihe «Jeunes Étoiles», junge Stars, auftrat.

Mit Werken von Claude Debussy, Clara Schumann und Johannes Brahms verzauberte sie nicht nur ihr in der Kirche anwesendes Publikum, sondern – wie an ihrem glückserfüllten Gesichtsausdruck abzulesen war – auch sich selbst. Die junge Frau ist eine Ausnahmeerscheinung, in jeder Hinsicht: Bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr spielt sie Konzerte, und neben den amerikanischen Abschlüssen, besitzt sie auch ein Master-Examen der berühmten Hochschule «Hans Eisler» in Berlin.

Sol Gabetta und Alexander Melnikov

Mit sehr grossen Verdiensten, auch um die Schweizer Musikwelt, und noch grösseren Talenten gleichermassen bekannt wie hoch begabt brachte sich am 9.8. auch die arrivierte Cellistin Sol Gabetta im Zusammenspiel mit dem russischen Pianisten Alexander Melnikov in das digitale Gstaader Format ein.

Im musikalischen Vortrag sehr ums Detail bemüht – und im vorausgehenden Interview um ein gutes Deutsch – bestach Sol Gabettas Spiel durch ein weichen, vollen Klang, den sie auf ihrem ungewöhnlicher Weise mit Darmseiten bezogenen Instrument aus dem Jahr 1717 erzeugte. Ein frühes und ein spätes Werk von Beethoven verdeutlichte die lange künstlerische Entwicklung des Komponisten. Und ein von äusserster Melodik geprägtes Werk seines Schülers Ries, das die Überleitung bildete, zeigte Beethovens enorme Ausstrahlung als Lehrer.

Die Lust an der Musik und die grosse Bedeutung «digitalen» Konzerte

Das digitale Format ist eigentlich eine glänzende Idee, besonders in diesen Zeiten. Dies gilt auch, wenn man bedenkt, dass es die gefühlte Distanz zwischen Publikum du Künstlern noch ein wenig vergrössert. Denn in der Wahrnehmung des Betrachters ähneln all diese «musischen Perlen» doch sehr einem «normalen» Fernsehformat. Und ein «Dabei-Sein» ist – gerade, weil es eine eigene Aktivität darstellt – eben nicht zu ersetzen. Zur Musik gehört auch der Konzertbetrieb.

Da könnten es im Rahmen des «digitalen Formats» am Ende die zumindest den Konzerten den arrivierten Künstlern vorangestellten Interviews sein, die auch – entsprechende Ambitione vorausgesetzt – die Lust auf das eigene Musizieren wieder wecken. Denn Musik lebt vor allem dann, wenn man sie macht.

Und doch haben die Gstaader Konzertveranstalter im Interesse aller mit der Organisation der digitalen Konzertreihe Grosses geleistet. Und dies nicht nur, weil das Festival so keine – coronabedingte – Unterbrechung erfahren musste. Sondern vor allem, weil mit dem diesjährigen «digitalen Format» eine grosse Tür für die kommenden Jahre aufgestossen wurde: Die Tür nämlich zu einer Verschmelzung direkt erlebter und informationstechnischer Teilnahmemöglichkeiten an der Musik. Man darf wirklich gespannt sein, wie sich das alles – Digitales wie Analoges – in Zukunft gegenseitig befruchtet.

Weltstar Daniel Behle widmete am 14.8. einen ganzen Abend dem Liedgut Ludwig van Beethovens.

Pallavi Mahidhara glänzte am 12.8. durch eine überragende Präsenz und einen hochvirtuosen Vortrag.

Sol Gabetta (Cello) und Alexander Melnikov (Piano) interpretieren Beethoven: Der Abend am 9.8. war herausragend.

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