«Der Bunker»: Grosses «Kleines Theater» in Turbach

«Der Bunker» ist ein Theater-Projekt der Schule in Turbach. Es greift die Geschichte der geheimen Organisation «P26» auf und bildet am Ende eine starke Analogie zur Gegenwart. – Ein kurzes Porträt.

Handlung und Ideenreiche Umsetzung

Im Kern besteht «Der Bunker», das grosse «kleine Theaterstück» der Turbacher Theater-Gruppe, aus der Bildung von Analogien zu unserer Gegenwart, aus dem unbändigen Spielwitz der Schülerinnen und Schüler sowie der gestalterischen und wortgewaltigen Raffinesse seines Autors, des Gstaaders Johannes Nydegger (Bild unten).

Das in «Saanendütsch» verfasste Stück spielt in den Stunden des Mauerfalls, in der Nacht vom 9. auf den 10. 11.1989, und lebt von einer doppelten Spannung: Zum einen wird darin in die Mentalität der Zeit des «Kalten Kriegs» mit all seinen Feindbildern und der Geheimorganisation «P26» eingeführt. Zum anderen hat sie die Berliner «Wendenacht» zum Gegenstand, in der durch den Fall der Mauer genau dieses Szenario der verfeindeten Weltmacht-Blöcke dahinschmolz.

«Der Bunker» ist ein witziges und vielschichtiges Spiel zwischen «Drinnen» und «Draussen», zwischen dem Bunker samt seinen übermässig dienstbeflissenen Insassen und einer örtlichen Gastwirtschaft (dem «Bären»), dessen Besitzerin und Bedienung in dem grossen weltgeschichtlichen Kontext dieser Nacht zwischen privater Verliebtheit und offenem Hass bühnenwirksam schwanken.

Das Ganze wird erzählt und moderiert von einer fiktiven Radiostation, «Radio 25», die eine Klammer bildet zwischen einer ganzen Fülle von Medienbeiträgen und kurzen Dokumentations-Videos dieser einen historischen Nacht und dem gespielten Geschehen auf und um die Bühne.

Gewaltiger Sprachwitz

«Der Bunker» lebt jedoch nicht nur von den intelligent und vielschichtig ineinander gesponnenen Handlungen der bestens kostümierten und motivierten Akteurinnen und Akteure im «Drinnen» und im «Draussen» des P26-Bunkers am Gstaader Oberbort und im Gasthaus «Bären». Das Stück lebt vielmehr intensiv vom erheblichen Sprachwitz seines Autors und Regisseurs Johannes Nydegger.

Und die gesamte, spannende Handlung wird 90 Minuten am Stück durch-erzählt und durch-gespielt. Es gibt keine Pause, aber das Stück hat auch keine «Längen», keine «Verlegenheits-Szenen». Alles ist intensiv mit Sinn und Doppelsinn «aufgeladen». Und bisweilen knallt auch schon einmal ein Schuss durch die Kulissen der Turbacher Turnhalle.

Den Akteuren auf den Leib geschrieben

In all dem geht es fast unter, dass «Der Bunker» den Akteuren auf den Leib geschrieben ist. Und beim Zusehen wird es immer deutlicher, dass jede und jeder an «seiner Rolle» mitgewirkt hat.

Einige Beispiele: Der völlig unscheinbar wirkende Chef der Organisation «P26» muss seinen italienisch gefärbten Akzent nicht künstlich erzeugen, denn er wurde wirklich in Italien geboren. In einigen wenigen Dialogen spricht er dann glaubhaft gutes Italienisch. Oder die sich als reiche Amerikanerin tarnende russische Spionin, die in insgesamt vier Sprachen (inklusive Englisch und sogar Russisch) parliert.

Auch der warmherzigen Bärenwirtin und ihrer hübschen Serviertochter spürt man ihr intensives Engagement und ihre Mitwirkung bei manchen kleinen Bühnen-Gags ebenso an wie den überaus sportlich agierenden «grossen Kindern», die bis fast zuletzt unerkannt das gesamte Geschehen aus der Perspektive einer «zukünftigen» Generation beobachten und frisch und voller Zukunftshoffnungen beobachten.

Besonders erwähnenswert ist die Rolle des Journalisten der «Schweizer Illustrierten», der nicht einfach den Saanenländer Dialekt perfekt vorführt, sondern der die Eigenart der regionalen Persönlichkeiten äusserst eindrücklich verkörpert.

Alle Akteure aber zusammen, vor und hinter der Bühne, lassen auf weiten Strecken ihrer Darbietung vergessen, dass man in der Turnhalle der Turbacher Schule sitzt und dass dies ein Schüler-Theater ist. Chapeau!

Tradition des Theaters in Turbach

«Der Bunker» setzt damit auf eine neue Art die Tradition des Theaters in Turbach fort. Einer Tradition, die eng mit dem Namen Sigi Amstutz, einem Vorgänger von Johannes Nydegger, verbunden ist. Doch das Multitalent Nydegger scheint auf dem besten Weg, die Turbacher Theater-Tradition aus seinen eigenen Fähigkeiten heraus fortzusetzen.

Nach Aufführungen am Freitag- und Samstagabend wird es noch eine Aufführung am Montagabend geben. Sie beginnt um 20:20 (das ist wirklich so gemeint) in der Turbacher Schule, und der Eintritt ist kostenlos. Jedoch wird – auch wegen der Corona-Schutzmassnahmen – um Voranmeldung gebeten unter 033 744 77 77, oder per Mail unter schule.turbach@bluewin.ch. Der Anlass ist in jedem Fall eine Reise wert.

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