Ursprünge und Luftsprünge

«Kühreihen» konzertant auf der Oberstockenalp

Das Quartett „Alphorn Experience“ knüpfte mit seinem Programm „Kühreihen“ an die Anfänge des Alphornspiels an: Vor Ort, in der Alp-Umgebung der Oberstockenalp, inszenierte die Gruppe am Wochenende des 4. und 5. Juli 2020 ein Freiluft-Konzert mit Stücken ihrer neuen CD – zwischen grasenden Kühen und engagiert mitwirkenden Zuschauern.

Anlass und Bedeutung

„Kühreihen“, so nennt man die traditionellen Lockruf-Melodien, mit denen der Senn die Kühe von der Bergweide zurück in den Alpstall holte. Die ältesten überlieferten Melodien dieses historischen Erbes der Alphorn-Musik (sie stammen aus der Zeit von 1545 bis ca. 1820) fallen in diese Kategorie.

Während die ursprünglichen Interpretationen von der individuellen Gestaltung der Ausführenden geprägt waren, gestaltete die Gruppe «Alphorn Experience» die historischen Signalrufe zwar authentisch in der urtümlichen Alpumgebung. Sie liessen im Laufe der Inszenierung unter dem Stockhorngipfel aber zunehmend moderne, ja jazzige Elemente einfliessen.

So entstand eine wirklich konzertante Aufführung, aber in völlig ungewohnter Umgebung. Und weit über Hundert Zuschauer aller Generationen und aus mehreren Ländern hatten die Wanderung zur Hochalp auf sich genommen und nahmen aufmerksam an den teils meditativen, teils schwungvollen Darbietungen teil. Aber auch die Tiere gestalteten durch ihre Reaktionen auf eine bisweilen unerwartete Weise die Aufführung mit.

Es war am Wochenende vom 4. auf den 5. Juli auf moderne Weise so, wie es zu historischen Zeiten vermutlich schon einmal gewesen war: Im Alphornspiel waren Tier und Mensch vereint: «Alphorn Experience» während des Konzertes «Kühreihen» auf der Oberstockenalp.

Mensch und Medien

Und so war das Auffallende an den Aufführungen unter dem Stockhorn vor allem die Reaktion der Menschen, ihre Vielsprachigkeit (eine Genferin: «c’est merveilleux, une chose extraordinaire»), ihre bis zur Andacht reichende Emotionalität, vor allem aber war die «mediale Dynamik» der Zuschauer bemerkenswert: Kaum jemand, der nicht Kamera oder Handy für Aufnahmen bereithielt und sich in konzentrierter Hingabe der medialen Tätigkeit widmete, oft bis zur Selbstvergessenheit.

Die mediale Gebunden- und Verbundenheit der Zuschauer war ein bemerkenswertes Merkmal der Aufführung «Kühreihen» am vergangenen Wochenende auf der Oberstockenalp.

Die Tiere wiederum zeigten sich an dem alpinen Geschehen höchst interessiert und waren besonders zu Anfang einfach nur neugierig und offen kommunikativ: Sie schnupperten an Menschen und Instrumenten und sprangen dann fast entsetzt davon, wenn sich eines der Alphörner plötzlich als ungemein eindringlich, ja als «akustischer Konkurrent» entpuppte. Je länger, je mehr schienen die Weidetiere aber die Erregung der Musik zu empfinden und es kam – allen Ernstes – zu teils wilden Kühtänzchen und Luftsprüngen. Ganz so, als kämen sie nach einer langen Winterpause zum ersten mal wieder auf die Weide.

Der «ausnehmend anderen» Alphorn-Veranstaltung dieses Wochenendes an der Oberstockenalp gelang es, aus Zuschauern Mitwirkende und selbst aus den Tieren Teilnehmer zu machen: Musik und Berge, Tradition und Moderne verschmolzen zu etwas Neuem. Der Gruppe „Alphorn Experience“ (in der Besetzung Mike Maurer, Sami Lörtscher, Christian Schmitter und Heinz Maeder) gelang etwas nahezu Einzigartiges.

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