Medien-Sterben

In den letzten Wochen hat sich die Zeitungslandschaft im Berner Oberland vielleicht entscheidend verändert. Es ist eine Veränderung, die so mancher innerhalb der Branche befürchtet hatte. Schon kurz nach dem Lockdown waren aber die ersten Stimmen zu hören, die «halblaut» die Furcht äusserten, die Corona-Krise könne diese schon lange spürbare Tendenz beschleunigen  

Dies hat sich nun anscheinend bestätigt: Mitte April haben nicht nur die «Jungfrauzeitung», der «Oberhasler», der «Brienzer» und das «Echo von Grindelwald» das Erscheinen einer «Zeitung aus Papier» eingestelltMan wolle zwar nun häufiger, aber nur noch online via «E-Paper» «erscheinen».  

Und nun, am 29. Mai gab auch der «Frutigländer» bekannt, dass am 30. Juni 2020 die letzte Ausgabe erscheinen wird. In diesem letzteren Fall wird es auch keine Online-Ausgabe mehr geben. Der Frutigländer wird als Ganzes verschwinden. 

Die ersten Reaktionen, die in persönlichen Gesprächen und über die Radiosender zu hören waren, sind in der Regel emotional, bisweilen auch politischSo ist von einem «Verlust einer Kultur» die Rede.  

Ganz falsch ist diese Sicht nicht. Besonders dann nicht, wenn man einen Blick zurück in den Zusammenhang der Schweizer politischen Geschichte und des heimischen Zeitungswesens wagt.   

Bedeutung der Zeitungen 

Es ist lange her, dass im Jahre 1689 in Bern die Wochenzeitung «La Gazette de Berne» erstmals unter diesem Titel erschien. Sie war bis zum Ende des Ancien Régimes 1798 eine derart wichtige Stimme der Berner Politik, dass man sich manchmal durchaus Ärger mit dem französischen Nachbarn einhandelte.  

Näher am Oberland entstand schon bald darauf aber eine eigene Zeitungslandschaft: 1838 publizierte Johann Jakob Christen erstmals eine Zeitung in der Stadt Thun. Sie erschien einmal pro Woche. Ab 1877 erschien die Zeitung jeden Tag unter dem Titel «Täglicher Anzeiger für Thun und das Berner Oberland». Seit 1962 erscheint sie als «Thuner Tagblatt».  

Die Zeitungslandschaft der Schweiz ist aber schon seit dem 19. Jahrhundert ausgesprochen vielfältig und zum Teil experimentell. Und die Verlegerpersönlichkeiten und ihre Familien spielten in diesem Prozess immer schon eine grosse Rolle.  

Man könnte es noch politischer formulieren: Eine Schweiz ohne Zeitungen ist auch im Rahmen ihres Meinungsbildungsprozesses vor, während und nach parlamentarischen oder Volks-Entscheiden kaum vorstellbar.  

Dies gilt in der für unser Land typischen Demokratieform bis hin zu den Entscheidungen der Gemeinden. Sie sind immer Prozesse der Meinungsbildung, die sich im Grundsatz öffentlich vollziehen.  

Die aktuellen Entwicklungen 

Die Entwicklungen der letzten Wochen – wir hatten sie eingangs schon aufgeführt – spiegeln auf zwei verschiedene Weisen unternehmerische Entscheidungen. Und jedes Mal sind die Kosten ein entscheidendes Argument.  

Zum einen sind da die vier Oberländer Zeitungen, die seit dem 10. April sechs Mal die Woche als E-Paper erscheinen. Papier und dessen Verteilung in die Haushalte, heisst es in der von den vier Verlegern damals erschienen Meldung, sei «in einer Zeit mit wenig Einnahmen nicht zu bewältigen».  

Zum anderen ist da der Frutigländer, dessen Verleger am 29.5. damit argumentierte, dass die Kosten zu hoch seien, die das Aufrechterhalten eines guten redaktionellen Betriebs erfordere. Im Kander- und Engstligental bleibt zur Zeit also nur der «Berner Oberländer» als klassische Tageszeitung auf Papier übrig. 

Das sind nur zwei Seiten einer Medaille, denn in einer Zeit allgemein sinkender Abonnement-Zahlen (dies gilt fast ausnahmslos für ganz Europa) sind schlagartig sinkende Werbeeinnahmen – egal ob sie schnell oder langsam eintreten – tödlich. Im Fall der Coronakrise sind sie blitzschnell eingetreten.  

Ganz generell führen die seit Jahrzehnten fast ausnahmslos sinkenden Abonnentenzahlen der Zeitungsverlage zu einer unternehmerischen Unkalkulierbarkeit allgemeiner Art. Damit sind – leider – auch die permanent angestellten Redaktionen gefährdet 

«Leider», denn die freien Redaktionen (im politischen Sinne), sind der Kern der freien Presse. Für das demokratische «System Schweiz» ist eine solche freie Presse aber systemrelevant. Ein Wort, dessen Bedeutung die Coronakrise erneut tief ins Bewusstsein eingeprägt hat.  

Dass sie – im Rahmen der verfassungsgemässen Meinungsfreiheit der Schweiz – auch einen so genannten «Service-Public-Auftrag» erfüllt, ist mindestens ebenso bedeutend. Denn insbesondere in dieser Eigenschaft wirken die Zeitungen geradezu kulturstiftend: Konzerte, Ausstellungen, Events, aber auch Schulen und andere öffentliche Belange werden in grundwesentlicher Form über Zeitungen angekündigt und es wird darüber berichtet 

Fakten, Eindrücke (auch in Bildern und Videos) und Kommentare sind die Kernelemente des täglichen und wöchentlichen Zeitungsjournalismus. Und für diese Art von «gesellschaftlicher Teilhabe» war und ist die Papierform der Zeitung konstitutiv, grundlegend, wesensbestimmend.  

Denn um in den Genuss der Leistungen einer Zeitung zu kommen, war die Schwelle bislang vergleichsweise niedrig: Man muss nur lesen können.  

Wohin geht die Reise? 

Wohin die Reise geht, zeigen aber nicht nur die Einstellungen der Papierausgaben vieler Zeitungen. Denn Geld genug wäre im Gesamten der Schweizer Gesellschaft da, Konsumentengeld und Investitionsgeld.  

Aber beide Ausgabenarten fliessen in andere Kanäle. Sehr allgemein kann man sagen, dass die Investitionsgelder dahin fliessen, wo die Konsumentengelder zukünftige Renditen versprechen.  

Schaut man sich dann die Verlautbarungen eines der grössten Schweizer Medienkonzerne, der «TX-Group AG» in Zürich an, zu der auch die Tamedia AG gehört, die auch einige Zeitungen im Oberland besitzt, dann ist es eindeutig, dass man sich zukünftige Geschäfte von einem «Netzwerk digitaler Plattformen» verspricht (Zitat: Originaltext der Website) 

Im Rahmen dieser digitalen Plattformen (das Wort Papier taucht nicht mehr auf und ist auch nicht gemeint) will man den Menschen «täglich Informationen, Orientierung, Services und Unterhaltung» bieten. – Das klingt gut, denn immerhin enthält diese Zieldefinition noch «Information» und «Orientierung». Aber es ist mehr als nur ein Indikator dafür, dass die «Zeitung auf Papier» ihre Zukunft, bis auf Ausnahmen, hinter sich hat.  

Und schaut man noch genauer hin, dann ist die Teilnahme an diesem für die gesamte Gesellschaft wichtigen Prozess nicht primär den «Lesekundigen» vorbehalten, sondern denen, die nicht nur mit einer digitalen Welt zurechtkommen. Sondern notwendiger Weise denen, die dieses Zurechtkommen in der digitalen Welt schliesslich auch bezahlen können.  

Noch scheint dies in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit zu sein, «kein Problem». Freilich, auch das Papier-Abonnement einer Zeitung kann im Kanton Bern pro Jahr schon über CHF 500 kosten, je nach Anbieter. Und für eine einzelne Zeitung kann man am Bahnhofskiosk schon einmal CHF 4.60 bezahlen. Aber dennoch: Eine Zeitung kann man sich noch ausleihen oder man kann sie herumreichen. Doch wie hoch können die Kosten der «Digitalen Teilhabe» pro Haushalt insgesamt sein? TV, Internet, diverse Handy-Verträge plus Gebühren für digitale Abonnements zusammengenommen? Wie wird das in der Schweiz weitergehen? Kommt hier noch etwas auf uns zu, mit dem wir nicht gerechnet haben? 

Was sich vor unseren Augen abspielt, das mutet letztlich an wie eine unheimlich wirkende «heimliche Revolution». Jetzt ist sie beschleunigt, durch «Corona» und anderes, doch an einigen Stellen «reisst der Faden».  

Wie kann es weitergehen? 

Doch wie geht es weiter? Ohne Zeitungen fehlt dem Berner Oberland der für sehr wenig Geld zugängliche «mediale Vermittler» politischer Meinungen. Es fehlt die lokale und regionale Kultur, es fehlen – ein hohes Wort – die Vermittler regionaler Identitäten («Simmentaler», «Frutigländer», «Haslitaler») 

Vor kurzem hat der Kanton in Person des Regierungspräsidenten Christoph Ammann, selbst aus der Brienzer Gegend, einen Brief vom bernischen Zeitungsverlegerverein erhalten. Darin bittet das Präsidium (Frank Müller, Konrad Maurer und Martin Bürki) – ausdrücklich auch im Namen der Online-Angebote und der TV-Stationen übrigens  den Kanton eine kantonale Nothilfe zugunsten der Medien unter Notrecht zu sprechen. Im Kanton Freiburg sei das am 5. Mai 2020 bereits geschehen. Dabei beruft man sich ausdrücklich und richtiger Weise auf den «Service-Public-Auftrag» aller erwähnten Medien.  

Für die bisherige Konstellation des «Frutigländer» kommt dies zu spät. Und wie es überhaupt mit den kantonalen Medien jeglicher Art weitergeht, das ist mittelfristig unklar.  

 

 Zeitungen: Das Angebot am Bahnhofskiosk gaukelt noch eine Zeitungs-Vielfalt vor, die es aber bei näherem Hinsehen kaum noch gibt. Nun haben viele Berner Oberländer Zeitungen ihre Papierausgaben oder überhaupt ihr Erscheinen eingestellt.