Online ist nicht immer besser

Wegen der Coronakrise wurde sie «nicht erfunden», die Online-Weiterbildung. Aber beschleunigt wurde sie durch die Krise doch sehr. Das ist die einheitliche Stellungnahme einer Reihe von Firmen, die im Frutigland ihren Sitz haben oder hatten.

Deutlich ist der Tenor nicht nur bei der allgemeinen Einschätzung der beruflichen Weiterbildung in der Krise, sondern vor allem auch auch bei der qualitativen Bewertung der Unterrichts-Ergebnisse: «Online ist nicht immer besser», wird zum Beispiel der in Frutigen und im ebenfalls am Niesen gelegenen Wimmis (Zentrale in Thun) angesiedelte Abfall-Entsorger AVAG deutlich. Geschäftsleitungsmitglied Mudest Arpagaus legt zudem Wert darauf, dass die Coronakrise die Aus- und Weiterbildung bei der AVAG nicht grundlegend, zu hoch sei deren Stellenwert schon zu normalen Zeiten.

Aber warum ist das eigentlich so, wo doch gerade überall der Anschein erweckt wird, die reale Welt in Schulen und Betrieben sei recht problemlos durch die virtuelle Welt ersetzbar?

Der Hauptgrund liegt nach Meinung der Verantwortlichen offensichtlich in dem Mangel, der durch das persönliche Miteinander entsteht. Das ist zunächst nichts «Mystisches», sondern es hat sehr viel mit der dabei entstehenden Verbindlichkeit zu tun. René Gasser von Müller Küchen bringt es auf den Punkt: Es sei letztlich noch zu früh, um über die Qualität der indirekten Online-Unterrichte zu urteilen. Aber wie gut der gelingt, das hängt auch sehr von der Disziplin und Bereitschaft jedes einzelnen ab. Im Klartext: « Eigenverantwortung und Disziplin sind ja auch nicht bei jeder Person gleich».

Fernunterricht nicht in jeder Lernphase geeignet

Beruflich motivierter Fernunterricht kann besonders in den fortgeschrittenen Weiterbildungen und im theoretischen Teil der Lehrlings-Ausbildungen gut möglich sein. Dafür braucht es jedoch eine gegenüber dem Präsenzunterricht deutlich veränderte Didaktik: Alles und jedes muss «elektronisch» oder «digital» überprüft und vermittelt werden können. Und das ist keineswegs nur eine Frage der Technik. Es ist zuerst einmal eine Frage der Aufbereitung des Lernstoffes.

Anita Wandfluh (Wandfluh AG) betont daher im Gespräch vor allem, dass die verschiedenen Fachrichtungen und Ländergruppen der global aufgestellten Frutiger Unternehmung immer eine eigenständige Fachdidaktik und Organisation haben müssten. Aber eben deshalb sei «Weiterbildung schon immer ein grosses Thema» bei Wandfluh gewesen. Die Herausforderung läge aber im «ständigen Wandel», der zur beruflichen Weiterbildung ganz besonders gehöre. Für all die von ihr betreuten Unternehmens-Bereiche sei es aber klar, dass jeder seinen spezifischen «Online-Offline-Mix» finden müsse. Ähnlich äusserst sich auch AVAG in schriftlicher Form: «Eine 100%ige Verschiebung auf den Online-Kanal ist nicht unser Ziel.»

Das persönliche Netzwerk ist wichtig

Unabhängig also von der konkreten Firma wird auf diese Weise deutlich, dass in der beruflichen Weiterbildung immer klar sein muss, was mit Fernunterricht, in welcher Form auch immer, überhaupt erreicht werden kann und was nicht. Besonders aktuell wird das bei der Frage, inwiefern momentan Prüfungsvorbereitungen gerade im handwerklichen Bereich – coronabedingt – überhaupt möglich sind. Zum Teil müssen Prüfungen verschoben werden, zum Teil können sie – meist verändert – abgehalten werden.

Es gibt Veranstaltungen, die brauchen persönliche Präsenz. Sie sind „online“ kaum mit der gebührenden Intensität vermittelbar. Hier das Unternehmertreffen von Spiez Marketing im Januar 2020

Sämtliche von uns befragten Firmen haben hier den Klärungsbedarf nicht in einer pauschalen Regelung, sondern im Einzelfall gesehen. Und alle betonen sogar deutlich den Vorteil des persönlichen Unterrichts. Beispielhaft erneut Müller Küchen: «Einige Themen lassen sich in Zukunft via Web und Video schulen, was definitiv vermehrt vorkommen wird, um auch die Kosten zu minimieren. Jedoch ist uns ein persönlicher Austausch und der Ausbau des persönlichen Netzwerks bei einer Ausbildung immer sehr wichtig. Und dies wird bei einer Schulung vor Ort besser gefördert».

Anbieter des Online-Unterrichts sind gefordert

Vieles hängt von der Qualität des Fernunterrichts ab. Und so wird es vor allem an den Anbietern des Online-Unterrichts liegen, inwiefern sie einen inhaltlich qualitätvollen, sozial verbindlichen und in der Sache richtigen Unterricht anbieten können.

Auch «online» müssen dafür Gemeinschaften und Lern-Verbünde entstehen, es müssen (virtuelle) Gruppen wachsen und sich – eine schwere Aufgabe – neben den privaten Chaträumen und Social-Media-Plattformen (WhattsApp, Facebook und Konsorten) behaupten können. Wohl gibt es dafür von allen grossen Anbietern professionelle technische Mittel, die zum Teil auch schon ein gutes Jahrzehnt im Einsatz sind (Beispiele: «Sharepoint» und «Yammer» von Microsoft, jetzt ergänzt durch «Teams», und besonders im IT-Bereich «Slack» in Verbindung mit Atlassian; auch Oracle hat dafür Lösungen), doch alleine deren Bedienung ist nicht für jeden selbstverständlich. Es kommt ja, wie gesehen, nicht alleine auf die Technik an.

Die «ICT-Berufsbildung Schweiz» in Bern fasst beispielsweise Voraussetzungen und Vorteile eines perfekt gestalteten Fernunterrichts stellvertretend für viele renommierte Schweizer Anbieter zusammen: «Hochaktuelle Inhalte» sind dabei genauso Voraussetzung wie ein persönliches «Profiling» des Lernenden, eine Art Laufbahn-Beratung also. Dabei eignet sich die Online-Lernform besonders für technische und für IT-Themen. Räumliche Entfernung spielt selbstverständlich keine Rolle mehr, wie der grosse Erfolg des (deutschen) Hasso-Plattner-Instituts im weit entfernten Berlin zeigt: Auch hier «alles zum Thema IT». Und eine exzellente Fachdidaktik ist in jedem Fall selbstverständlich.

Auch in Zukunft wichtig: Der Präsenzunterricht

Weit über die «Corona-Situation» hinaus liegen also die Vorteile eines virtuellen Unterrichts auf der Hand: Wegekosten und Aufwand werden gespart, die Karriere mit grosser Wahrscheinlichkeit gefördert, und vielleicht winkt am Ende sogar noch höheres Gehalt.

Freilich: Alles will von Lernenden wie von Anbietern gut geplant, «sozialverträglich» organisiert, solide finanziert und diszipliniert «durchgezogen» werden. Sonst kann auch der Online-Unterricht scheitern. Und auf die «Ur-Form» des Unterrichts, dem so genannten Präsenz-Unterricht, der um ein unmittelbares Zusammenwirken von Lehrperson und Lernenden herum aufgebaut ist, kann wohl auch in Zukunft kaum verzichtet werden.

Schreiben Sie einen Kommentar