Innovation mustergültig

TS 3.0 und die «neue Welt des Holzbaus»

Die Firma «Timber Structures 3.0» (Thun), abgekürzt «TS 3», die seit einiger Zeit von der Förder-Plattform «be-advanced» des Kantons Bern gecoacht und unterstützt wird, ist etwas Spezielles: Sie ist eine Holzbaufirma, aber sie baut gar nicht selbst. Das klingt paradox ist aber von Bedeutung: Denn «TS3» verkauft ein Verfahren zum Einsatz, das Holzbauteile (Vollholz, Brettholz, Sperrholz) stirnseitig mit einem in der Baubranche bestens bekannte Stoff verklebt: Mit Polyurethan. Man kennt das auch bei Hobby-Handwerkern als Schaummasse zum Abdichten.

Mit dieser Verklebung (das Verfahren wurde über Jahre aufwendig verfeinert) können punktgestützte («Säulen»), mehrachsig tragende Platten für Geschossdecken oder Faltwerke in fast jeder Form und Grösse erstellt werden.

Holz ersetzt so die Skelettbauten aus Stahlbeton, und es waren – man staune – richtiggehende Hochhäuser aus solchen Holzkonstruktionen möglich. 2018 konnte in Affoltern eine komplette Wohnüberbauung vollständig aus Holz erstellt werden, und 2019 wurden in Kanada erste Projekte in dieser neuartigen Verbund-Technologie erstellt. Seit Anfang 2020 gibt es sogar ein US-amerikanisches Patent dafür.

«TS 3» vermarktet diese Technologie in einer Art «Franchise-System», was nichts anderes bedeutet, als dass sie die notwendige Expertise und begleitende Ingenieurleistungen an andere Holzbauunternehmen verkauft. Auch tut sie das international, weltweit, wie einer der geschäftsführenden Gesellschafter, Stefan Zöllig, im Interview gerne erläutert. Die Firma scheint in einem konstanten Erneuerungsprozess.

Stefan Zöllig, TS3 AG, Thun

Stefan Zöllig hatte Mitte März 2020 wegen der Coronakrise soeben einen längeren USA-Aufenthalt abgebrochen, als wir uns über einen Videokanal virtuell trafen. Der Themenkatalog war abgesteckt, wesentliche Unterlagen schon im Voraus ausgetauscht.

Wie geht Innovation?

Dies ist die Ausgangsfrage: «Wie geht Innovation?». Zunächst ist es etwas Anderes, erläutert der Holzbauingenieur, ein Unternehmen durch Innovationen zu führen als ein Start-Up zu betreiben. «Timber Structures 3.0» sei aber beides. Dies schon alleine deshalb, weil das Unternehmen durch seine ISO-9000-Zertifizierung solch ein Vorgehen ständig nachweisen muss.

Innovation, so erläutert der geschäftsführende Gesellschafter weiter, das sei vor allem die Bereitschaft dazu, in einem Betrieb einen ständigen Verbesserungsprozess zu inszenieren. Man müsse damit aufhören, nach «Schuldigen» für vergangene Versäumnisse zu suchen. Stattdessen solle man gezielt und laufend versuchen, Verbesserungen «bei allem und jedem» einzuführen.

«Man sollte – man könnte» heisst deshalb auch das Zauberwort für den Innovationsprozess: Denn einmal pro Woche treffen sich die Holzbauingenieure des KMU-Betriebs und fragen sich – wie in einem Ritual» – Was sollten wir tun/lassen? Was könnten wir tun? Danach werden alle Anregungen gesammelt und man geht dem organisiert nach.  Diese positive Verstärkung gehört zum «Erbgut», zur DNA, des Holzbau-Unternehmens.

Hat man damit Erfolg? Auch wenn die Technologie noch wenig bekannt ist? Und wie geht man vor?

Weniger allgemeine Regeln, aber viele Hinweise

Stefan Zöllig spricht offen über Erfolge, aber er verschweigt auch nicht die Schwierigkeiten. Denn wer Innovationen verkauft, verkauft immer etwas Unbekanntes. Und gerade bei der Holzbautechnologie von «TS 3» kommen die spezifischen Vorteile meist eher in städtischen Umgebungen zum Tragen als ausgerechnet auf dem Land.

Doch der generelle Verzicht auf Stahlbeton-Bauweisen bündelt eine Vielzahl von Vorteilen so, dass «fast jeder» zunächst einmal zuhört, Aufmerksamkeit schenkt: Da ist zunächst einmal das gegenüber Stahlbeton generell leichtere Material Holz, da ist der riesige ökologische Vorteil, dass Holz CO2 bindet und nicht zu seiner Herstellung aufwendet, da ist der Vorteil der regionalen Produktion und da ist nicht zuletzt der erhebliche Vorteil der Vorfertigungsmöglichkeit.

Es gibt Baustellen, erzählt Zöllig, da werden grosse Teile einer Überbauung tagelang vorgefertigt und dann nachts montiert. Morgens, bei Arbeitsbeginn übernehmen dann all die Handwerker, die nicht zum Holzbau direkt gehören, und in der folgenden Nacht setzt dann das Holzbauteam seine Montagearbeiten an den tragenden Bauteilen fort, usw. Der Zeitgewinn ist dabei extrem.

TS3 hat vieles richtig gemacht: Nationale und internationale Patente sind angemeldet oder in Vorbereitungen, Kunden können Test-Installationen und Prüfverfahren einsehen oder sogar begehen (so in Biel), die Kommunikation passt sich den unterschiedlichen Mentalitäten an, und man kennt sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch Österreich, in Deutschland, in den USA und in Kanada bestens aus. – All das sind Elemente, die mitbestimmen, ob «Innovation funktioniert».

Nun auch für den EU-Markt

Ein wichtiges Projekt in diesem Zusammenspiel formender Kräfte könnte die Zertifizierung der TS3-Technologie durch die «Materialprüfungsanstalt der Universität Stuttgart» (MPA) sein. Gelingt die Zertifizierung der speziellen TS3-Klebemethode dort, kann sie nach und nach auf die gesamte EU ausgedehnt werden. Gelänge das, wäre aus der vielversprechenden Innovation ein internationaler Markterfolg geworden. «Timber Structures 3.0» scheint auf dem Weg zu solchem Erfolg. Doch schon jetzt kann der eine oder andere Unternehmer sich von solchem Beispiel inspirieren lassen.

Schreiben Sie einen Kommentar