Hochhäuser aus Holz

Die Techniken des Holzbaus haben in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Provokativ kann man heute fragen: «Wann kommt das Hochhaus aus Holz?». Wir sind der Frage anhand eines Beispiels aus der Region Berner Thuner See nachgegangen.

Staunen gestattet

Die Antwort auf die Frage, wann das Hochhaus aus Holz kommt, ist salopp gesagt, einfach: Es ist schon da. Die dafür notwendigen Techniken stammen zu einem Teil aus dem Berner Oberland, zum anderen aus Österreich, und die Vermarktung des Know-Hows und der dafür notwendigen Konzepte erfolgt weltweit.

Was bringt der Holzbau?

Aber zunächst das Grundsätzliche: Der Hochbau aus Holz in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Dabei wurden die grundsätzlichen Vorteile des Holzes als Baustoff konsequent ausgenutzt. Zu diesen grossen Vorteilen des Holzbaus gehören einerseits

  • die konstruktiven Dinge (Gewichtsvorteil gegenüber Stahl und Beton),
  • die fertigungstechnischen Möglichkeiten (Vorfertigung umfangreichster Gebäudeteile, wie jüngst bei dem Holzmodul-Hotel in Adelboden; aber auch Savognin in Graubünden u.a. anderen Orten der Schweiz) und damit verbunden
  • die logistischen Vorteile (Fertigung in der Region, leichter Transport über kürzere Strecken)

Ganze Gebäudekomplexe entstehen in jüngster Zeit an vielen Orten der Schweiz. Und sie alle verbindet nicht nur ein innovativer Umgang mit dem heimischen Werkstoff Holz, sondern dessen kreativer unternehmerischer Einsatz verbunden mit einer ganz erheblichen ökologischen Auswirkung.

All das ist auch für den Verband «BEO Holz» (Sitz in Frutigen, Geschäftsstelle in Spiez) von grösster Bedeutung. Dessen Präsident, Erich von Siebenthal, unterstützt diese Sicht. Er betont im Gespräch mit dieser Zeitung darüber hinaus auch noch andere Elemente: Nicht zu vergessen sind nämlich auch geschichtlich-traditionelle Dimension des Holzbaus (er ist über Jahrhunderten zu einer wirklichen «Vorzugstechnik» des Berner Oberlandes geworden), bzw. die ausgeprägte Regionalität der gesamte Gewinnungs- und Herstellungs-Abläufe:

Schlagreife Bäume werden den Wäldern genauso entnommen, dass Co2 verbrauchende Jungbäume in der Wachstumsphase wieder «neues» CO2 absorbieren und in Holz umwandeln können. Holz, das dann wieder in der Region CO2 für Jahrhunderte speichern und in seiner finalen Verwendung sogar noch als Brennstoff verwendet werden kann.

Ein Beispiel: Holz ersetzt Stahlbeton

Wir sind – auf der Suche nach dem «Hochhaus aus Holz» – aber einem Beispiel aus Thun nachgegangen, das aus einer Kooperation zwischen einem Wiener Holzbau-Unternehmen und Schweizer Ingenieuren entstand und vom Kanton Bern aktiv gefördert wurde. Dabei kommt ein Verfahren zum Einsatz, das Holzbauteile (Vollholz, Brettholz, Sperrholz) stirnseitig mit einem in der Baubranche bestens bekannte Stoff verklebt: Mit Polyurethan. Man kennt das auch bei Hobby-Handwerkern als Schaummasse zum Abdichten.

Mit dieser Verklebung (das Verfahren wurde über Jahre aufwendig verfeinert) können punktgestützte («Säulen»), mehrachsig tragende Platten für Geschossdecken oder Faltwerke in fast jeder Form und Grösse erstellt werden.

Holz ersetzt so die Skelettbauten aus Stahlbeton, und es sind – man staune – richtiggehende Hochhäuser aus solchen Holzkonstruktionen möglich. 2018 konnte in Grossaffoltern eine komplette Wohnüberbauung vollständig aus Holz erstellt werden, und 2019 wurden  erste Projekte in dieser neuartigen Verbund-Technologie erstellt. Seit diesem Jahr gibt es sogar ein US-amerikanisches Patent dafür.

«Timber Structures 3.0»: Holzstrukturen

«Timber Structures Three», «Holzstrukturen Nr.3» (abgekürzt: «TS3»), heisst die in Thun ansässige Firma, die seit einiger Zeit von der Förder-Plattform «be-advanced» des Kantons Bern gecoacht und unterstützt wird.

Das interessanteste an dieser Holzbaufirma ist, dass sie gar nicht selbst baut. Das klingt paradox ist aber für den ganzen Kanton und das Oberland von Bedeutung: Denn «TS3» verkauft das Verfahren zum Bau in dieser Technologie in einer Art «Franchise-System», was nichts anderes bedeutet, als dass sie ihre Expertise und begleitende Ingenieurleistungen rund um den Bau verkauft.

Sie tut das international, weltweit, und ausgesprochen innovativ, wie einer der geschäftsführenden Gesellschafter, Stefan Zöllig, in einem Gespräch in Spiez unlängst erläuterte. Für TS3 bedeutet das, dass man die zum Teil patentierten Verfahren viel häufiger verkaufen kann, als wenn man selbst baute. Für die mit Holz bauenden Unternehmen («Kunden») bedeutet das, dass sie ihrerseits nun auf Geschäftsfelder vorstossen können, die ihnen bislang verschlossen geblieben waren. Eben bis hin zum Hochhausbau.

Erhebliche ökologische Effekte – Gut für das einheimische Holz

Die Aktivität der Holzbau-Ingenieure hat dabei auch erhebliche ökologische Effekte, die wiederum weit über die einheimische Holzverarbeitung und den eigentlichen Holzbau hinausgehen: Holzbauten speichern CO2 langfristig, auch nach dem Fällen der «Ursprungsbäume».  Ihr ökologischer «Fussabdruck» ist daher in Herstellung und Verwendung weit besser als der von Stahlbeton, für dessen Herstellung man nicht nur produktionstechnisch enorme Wärmemengen aufbringen muss (bisweilen werden sogar Altreifen für die notwendige Energieerzeugung bei der Zement-Herstellung verwendet), sondern die man auch noch mit Schwerlasttransporten zum Teil über weite Strecken transportieren muss.

Und für Schweizer Unternehmen des Holzbaus können solche innovativen Technologien wie die der «TS3» in Thun eine Chance sein: Nicht nur das Holz bleibt in der Region, auch die Arbeitsplätze zu seiner Verarbeitung. Und die Öffentlichkeit gewinnt – ganz nebenbei gesagt – vielleicht auch hie und da ein neues Verhältnis zu den eigenen Wurzeln.

Dies sieht auch Erich von Siebenthal, der Präsident von Beo Holz so: «Was die da in Thun machen, nützt uns allen. Denn es ändert auch die Denkmuster der Anwender». Man kann sich dieser Ansicht gerade dann nicht verschliessen, wenn man die vielen Beispiele ansieht, die als innovativer Holzbau zur Zeit überall im Land entstehen.

Stefan Zöllig, geschäftsführender Gesellschafter der Firma «TS3» in Thun.

Das etwas plakativ wirkende Bild ist zwar «photomontiert», aber es zeigt, wohin – im Extremen – die Reise hingehen kann: Hochhäuser könnten bald vermehrt aus Holz gebaut werden.

Eine für Köniz bei Bern projektierte Überbauung aus Holzelementen, die in der TS3-Technologie aufgebaut werden.

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