90 Jahre Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt Bern

Im Mai 1929 erliess der Grosse Rat ein Dekret über die Gründung eines Strassenverkehrsamtes, dem später auch die Schifffahrtsbehörde zugeordnet wurde. Die noch bis Ostern gezeigte Ausstellung wurde Mitte Februar 2020 vom früheren Frutiger Gemeinderatspräsidenten Rudolf Egger, heute Abteilungsleiter der Aussenstelle des Strassen- und Schifffahrtsamtes (SVSA) in Allmendingen, und seinem Kollegen Remo Binggeli eigens erläutert.

Selbstbewusste, kundige Oberländer

Es ist die bislang modernste Aussenstelle des Strassen- und Schifffahrtsamtes (SVSA) des Kantons Bern: Und mit Stolz führen Rudolf Egger und sein Kollege Remo Binggeli durch die modern konzipierte und ausgestattete Oberländer Aussenstelle in Thun-Allmendingen. Der frühere Frutiger Gemeinderatspräsident (bis 2016) leitet das allseits bekannte Prüfzentrum seit rund sechs Jahren und kennt die Anforderungen des Oberlandes aus eigener Erfahrung. Und so spult er die Vielfalt Berner Kennzeichen geradezu virtuos ab: Motorfahrzeuge, Anhänger, Arbeitsfahrzeuge, Motorräder, E-Bikes, um nur einige Beispiel zu nennen, können entsprechend ihrer Verwendung unterschiedliche Kennzeichen haben. All das müsse separat begutachtet und verwaltet werden: Ein Grossaufwand.

Wie an allen kantonalen Standorten der SVSA steht in Allmendingen die Kundenorientierung im Vordergrund. Anders wäre die Bewirtschaftung von zur Zeit über 800.000 Motorfahrzeugen im Kanton Bern, von Personenwagen, Anhängern, Nutz- und Spezialfahrzeugen sowie einer grossen Zahl von Schiffen (über 11.000 im Kanton) gar nicht möglich.

Rudolf Egger ist erkennbar stolz auf die Qualifikation seiner Mitarbeiter und Kollegen, und deren Expertenkenntnisse, und Erfahrung – so betont er – sei die Voraussetzung für die heutige Leistungsfähigkeit der kantonalen Einrichtung.

Aber auch der erst in der kommenden März-Session des Grossen Rat zu Beratung stehende Neubau des SVSA in Münchenbuchsee (er sollte ca. 2028 in Betrieb gehen) wird Erfahrungen aus der modernen Oberländer Niederlassung aufnehmen und für den Grossraum Bern zur Verfügung stellen.

Ausstellung «90+10»: Raritäten, Einsichten und Ausblicke

Anlass des Besuches ist eine bemerkenswerte Ausstellung anlässlich des 90jährigen Jubiläums des 1929 gegründeten SVSA. In Ihrem Titel deutet sie bereits auf die überwältigende Dynamik des ständig anwachsenden Strassen- und Schifffahrts-Verkehrs hin: 90 Jahre ist man bereits alt, aber man muss schon jetzt auf die vermutlich revolutionären Entwicklungen in den kommenden zehn Jahren hinweisen.

Und überraschende Zielgruppen hat diese Ausstellung: Fahrlehrer sind es vor allem, Garagisten und Versicherungsleute, die im Rahmen ihrer häufigen Besuche in den fünf kantonalen Niederlassungen des SVSA immer wieder wie zufällig neues «Fahrzeug-Wissen» sammeln und Rückfragen stellen.

Aber auch die «normale» Bevölkerung kann bei jedem Schritt durch die Räume des Amtes auf einer Art «Themenweg» den geschichtlichen Spuren der Entwicklung des Amtes seit 1929 folgen – überraschende Ein- und Ausblicke eingeschlossen.

Und eine besonders erfreuliche Note bekommt die Ausstellung durch die vielen, herrlichen Zitate. Hier ein Beispiel:

Gäbe es die letzte Minute nicht, so würde niemals etwas fertig

Mark Twain

Eine Rarität entdeckt

Ein ernsthaftes Beispiel aber für die verborgenen Raritäten der Ausstellung ist das folgende: Während des Rundganges bleibt unser Blick an den Zulassungspapieren eines Daimler Acht-Zylinder aus dem Gründungsjahr der Behörde, 1929, hängen. Es ist schiere Neugier, die uns dann nach dem Besuch noch ein wenig in der Tiefe recherchieren lässt. Und durchaus Erstaunliches zutage fördert.

Der Blick bleibt hier an den Details hängen: Das im Gründungsjahr der kantonalen Strassenverkehrs-Behörde 1929 zugelassen Fahrzeug ist eine teure Rarität – und gibt das eine oder andere Rätsel auf.

Das 1929 in Betrieb genommene Modell war ein konstruktiv vom damaligen Chef-Konstrukteur, von Ferdinand Porsche, überarbeitetes Fahrzeug. Erstmals in der Firmengeschichte war ein 8-Zylinder-Reihenmotor eingebaut worden, ein Motortyp, der im Grundsatz bis in die 1980er Jahre die S- und E-Klasse von Mercedes bestimmen sollte.

Folgt man den Ausführungen der Daimler-Benz AG, so sind von dem abgebildeten Modell nur rund 1000 Exemplare gefertigt worden. Und der dann folgende Weltkrieg verschob sowohl die Schwergewichte der Produktion von Mercedes als auch die Vorlieben der Käufer: Man orientierte sich während des Krieges und danach gezwungener Massen mehr am Nutzen als an der Repräsentationslust.

Das in der Ausstellung mit seinen Zulassungspapieren aus dem Jahr 1929 vorgestellte und im Kanton Bern zugelassene Fahrzeug dürfte aber noch sehr lange gefahren sein, denn der Motor dieser Baureihe war bekanntermassen sehr langlebig.

Der Preis für das edle Fahrzeug könnte 1929 (nach Informationen der Daimler Benz AG) in der Gegend von fast 30.000 «Reichsmark» gelegen haben, was einem heutigen Gegenwert in der Grössenordnung von 180’000 CHF oder mehr entsprechen dürfte. Eine durchaus glaubhafte Grössenordnung.

Wer aber 1929 ein solches Automobil besass, konnte sich rühmen, ein äusserst exklusives Fahrzeug zu besitzen. Und zudem eines, in dem auch (in Form einer Sonderausfertigung) der damalige Papst Pius XII. fuhr, ein frühes «Papamobil» also, vermutlich sogar das erste. Die Firma Daimler hatte dem Papst eines der ersten Autos geschenkt, eine Sitte, die das Unternehmen noch bis mindestens in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts beibehielt.

Der seit 1929 und bis weit in die 1930er Jahre in Stuttgart gebaute «Nürburg 460» erlaubte auf dem Chassis mit dem 8-Zylinder-Reihenmotor eine Vielzahl von Karosserie-Varianten: Das reichte vom repräsentativen 7-Sitzer bis zum ersten «Papamobil». 

Doch zunächst gab schon während der Begehung in Allmendingen die für einen 8-Zylinder-Motor äusserst niedrige PS-Zahl der ausgestellten Fahrzeugpapiere Rätsel auf. Und auch die ausgewiesene Jahressteuer des Fahrzeuges war nicht sofort einschätzbar.

Doch das konnte geklärt werden: Die damalige Steuerformel für die Besteuerung von Kraftfahrzeugen, so die nachfolgende Recherche, stammte aus dem Jahr 1922. Und sie lässt erkennen, dass man eine umständliche «Formel» einsetzte, um die technischen Kennzeichen eines Fahrzeuges auch steuertechnisch abzubilden. Mit den neuartigen «Motorfahrzeugen» tat man sich noch ein wenig schwer. Das Auto vom (vermutlichen) Typ «Nürburg 460» hatte tatsächlich aber eine Leistung von 80 PS bei 3400 U/min, was bei einem Hubraum von 4600 ccm in heutigen Augen eine magere Ausbeute darstellt. Folgt man den gängigen Teuerungs-Tabellen, entsprach die damalige Jahressteuer von 267 CHF (vgl. Abbildung) einem heutigen Steuerwert von CHF 1726 im Jahr 2019. Auch das eine glaubhafte Grössenordnung.

Viele Aspekte und Perspektiven

Die wie auf einem Zeitstrahl aufgebaute Ausstellung führt anhand von thematischen Schwerpunkten aus den Bereichen Fahrzeug- und Führerausweise, Führerprüfungen, Kontrollschilder, Bewilligungen, Schiffe, Arbeitswelt und «Zukunft» durch die vielen Aspekte der kantonalen Zulassungsbehörde. Und es wird dabei ersichtlich, dass die Gesamttätigkeit wie in einem grossen Fächer so unterschiedliche Dinge vereint wie Befähigungen, Prüfungen und Kontrollen. Alle aber eint der entgegenkommende, freundliche Sachverstand, den Abteilungsleiter Egger und sein Kollege Binggeli so gut verkörpern.

An einem «Zeitstrahl» entlang werden die Besucher durch die verschiedenen Stationen der Ausstellung (hier in der Zentrale des kantonalen Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamtes in Bern) geführt.

Die Jahre «+10»

Grossen Wert legt das Strassenverkehrs- und Schifffahrtsamt des Kantons Bern auf eine – man muss es fast so sagen – angemessene Einschätzung der Zukunft der verschiedenen Verkehrsformen: Die Veränderungen schon der nächsten 10 Jahre (daher «+10») könnten in Teilen einer Revolution gleichkommen.

Und so versucht man vorausschauend, sich schon jetzt auf das Kommende einzustellen: Wird es generelle die Elektromobilität sein? Oder der schon jetzt erkennbare Trend, neben dem Auto noch ein E-Bike oder einen Roller zu besitzen? Wird die Zahl von über 11.000 Schiffen auf den kantonalen Seen weiter zunehmen? Gibt es vermehrt Kombinationsangebote für Bahn und Strasse? Oder werden wir eines nicht mehr fernen Tages von selbstfahrenden Verkehrsmitteln zum Einkauf gefahren? Und wer bezahlt das?

Was wird die Zukunft der Mobilität sein? Selbstfahrende Kabinen mit elektronisch gesteuerten Menschen?

Die Themen jedenfalls werden dem SVSA in den nur noch 9 Jahren bis zum 100Jährigen Jubiläum 2029 nicht ausgehen. Und dies ist vielleicht auch der einzige Punkt, den die Ausstellung nicht anspricht: Denn während wir noch die zukünftigen Tendenzen des Strassenverkehrs diskutieren, oder während wir noch die Ausstellung «90+10» betrachten, hat die Zukunft selbst eigentlich schon begonnen.

Der Beitrag wurde in leicht gekürzter Form am 25.2.2020 im „Frutigländer“ veröffentlicht.

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