Medikamente: Verwendung oder Verschwendung

Immer wieder fragen Leser bei den Redaktionen an, warum sie Medikamente im Überschuss bekommen, so dass sie am Ende noch halbe Packungen wegwerfen müssen. Bei den Verschreibungen des Tierarztes aber, da ginge es ja «passender»: Dort bekommt man selten zu viel für Hund und Katz, und Rind und Schwein. – Wir haben den Kantonsapotheker, Dr. Samuel Steiner, hierzu befragt. Hier die Gedanken und Ergebnisse.

«Immer mit Augenmass behandeln»

Die Patienten sollten in solchen Dingen sowohl mit Augenmass handeln als auch mit Augenmass betrachtet werden, so ist in unserem Gespräch schon zu Beginn der Konsens hergestellt. Denn was deren Umgang mit den ihnen verabreichten Medikamente angehe, so der Kantonsapotheker, gäbe es wohl keinen Grund für einen grösseren «Alarm». Wohl aber sei eine detaillierte Betrachtung der Sachlage und immer wieder Aufklärung notwendig.

Und in dem daraufhin folgenden Gespräch entwickelt sich in der Tat ein differenziertes Bild. Ein Bild, aus dem aber auch klar wird, dass bei dem oft verfehlten Umgang mit Medikamenten die Verschwendung der (teuren) Arzneien nur eines der manchmal gefährlichen Probleme darstellt.

Auch eine Frage der Verschreibungs-Einheiten

Beim Menschen ist zunächst die Verschreibungseinheit das Individuum, der Einzelne. Und bei Hund, Katze und Wellensittich auch. Die Medikamentenmenge kann dabei auf die individuellen Notwendigkeiten angepasst werden. Bei vielen Tierarten und manchen Krankheiten im Tierreich ist das aber nicht so: Oft ergreifen Infektionen eine gesamte Tier-Gruppe (Schwarm, Rotte, Herde, Rudel etc.). Dann kann man (Beispiel «Vogelgrippe») nur alle oder keinen behandeln.

Ein weiteres ist die Strategie der Medikamentierung: Oft bekommen Tiere einfach eine vorher festgelegte Menge, während es dem Menschen freigestellt bleibt, ob er die Therapie in der vorgesehen Form zu Ende führen will oder nicht. Der Mensch kann ablehnen, das Tier kann im Grunde nicht wirklich gefragt werden.

Entscheidungsfreiheit als Problem-Faktor

Hier scheint auch eines der grossen Probleme der eventuellen Medikamentenverschwendung liegen: Wie verantwortlich geht der Mensch mit seiner «Verschreibung» um? Bricht er – oft aus Mangel an tieferem Wissen – die Behandlung ab, wenn die erste Linderung der Beschwerden eintritt? Ein Problem sind hier besonders Antibiotika: Hier sollte die verschriebene Menge unbedingt aufgebraucht werden.

Nicht wenige Patienten lehnen auch insgeheim die Medikamentenwahl ihres Arztes ab. «Klassiker» sind Schlafmittel, Antidepressiva oder Medikamente gegen Bluthochdruck. Die Reaktionen der – sagen wir – nicht-kooperativen Patienten können dann unterschiedlich sein: Nur wenige widersprechen sofort, einige holen das Rezept gar nicht in der Apotheke ab. Und nicht wenige kaufen sich noch das Medikament, lassen es dann aber liegen oder werfen es einfach in den Müll.

Vielleicht setzt der Patient aber die Behandlung (nach dem Motto «viel hilft viel») weit über das vernünftige Mass fort. Nur, weil die Packungsgrösse des Herstellers die nahezulegen scheint?

Auch Hersteller können ein Problem sein

Es sind bei einer Vielzahl von Medikamenten eben auch die Hersteller, die anscheinend ihre eigenen Beipack-Zettel nicht lesen: Wenn dort zum Beispiel steht, das Medikament soll einmal am Tag eingenommen werden, aber über zwei Wochen hinaus sollte es nicht eingenommen werden, dann macht es – wie Dr. Steiner erläutert – schon medizinisch keinen Sinn, wenn eine 100er-Packung verschrieben bzw. allererst auf den Markt gebracht wird. Die Hersteller alleine (und ihr bisweilen fast irreführendes Marketing) für die Medikamenten-Verschwendung verantwortlich zu machen, das sei aber objektiv verfehlt, meint der Kantons-Apotheker.

Problem der «verdeckten Hersteller»                                           ,

Dies sei schon deshalb so, weil auch so genannte Privat- und Spitalapotheken als «Hersteller» von Medikamentenpackungen ein Problem darstellen könnten, erklärt der «oberste Apotheker» Dr. Steiner. Oft findet an solchen Orten nicht nur eine Aufbewahrung und Ausgabe von Medikamenten statt (das bedeutet das Wort «Apotheke» ursprünglich: Sie ist ein Aufbewahrungsort), sondern ganz sicher in vielen Fällen auch ein «Umpacken», eine Auswahl (für einzelne Patienten) und eine Festlegung der Mengen und Abgabearten (Konfektionierung) statt.

Solche «Transformationen» von Produktions-Einheiten in «dahinter» liegende Verwendungseinheiten sind nicht ungewöhnlich, und man kennt sie aus vielen Wirtschaftszweigen. Aber gerade im Gesundheitswesen liegt ein sehr hohes öffentliches Interesse auf diesem Vorgang. Der Kanton (und hier insbesondere der Kantonsapotheker) hat eben die Aufgabe diese «Konfektionierungs-Orte» in Arzt-Praxen, Altersheimen oder Spitälern zu überwachen und kommt (wie der jährliche Bericht überprüfbar zeigt) dem auch in beeindruckend detaillierter Form nach.

Der Konflikt ist uralt: Ein Blick zurück

Ausdrücklich verweist Dr. Steiner dabei auf das Alter des Konfliktes, und er bezieht sich ausdrücklich auf die erste Reichsgesetzgebung über das Apothekerwesen, die über 750 Jahre alt ist. Sie ist eingebettet in eine viel umfassendere «Verfassung», die eigentlich zunächst für das Königreich Sizilien/Süditalien galt, dann aber unmittelbar Anwendung im gesamten damaligen Kaiserreich, und damit auch auf die heutige Schweiz, fand.

Wenn man die Überschriften dieses alten Gesetzbuches liest (und wir sind dem mal im Detail nachgegangen), kann man sich überhaupt nur über die Modernität der damaligen Inhalte wundern: «Über die Luftreinhaltung», «Über die Gifte und verunreinigten Gewässer», «Über die Zulassung der Ärzte zum Heilberuf», usw.. Hinzu kommt das Verbot, gleichzeitig Arzt und Apotheker zu sein, eine Verordnung, die über verschiedene Entwicklungsstufen bis heute gilt. Und genau diesen Teil zitiert Dr. Steiner.

Die Menschen schützen – den Menschen nützen

Damals wie heute kann nämlich Fehlmedikation ein Problem sein. Und besonders die Ärzte können (bisweilen auch aus wirtschaftlichen Zwängen heraus, und nicht nur aus etwaigem Eigennutz) in Konflikt mit den Apothekern kommen: Obwohl beide das oberste Gebot kennen, die Menschen zu nützen und sie zu schützen, kommt es in der Praxis aus den bereits beschriebenen Gründen genau an dieser Stelle – wie der Jahresbericht des kantonalen Apothekers zeigt – immer wieder zu Kollisionen. Und genau hier greift der Staat moderierend und kontrollierend ein.

Problem der Verteuerung

Heute kommen aber noch die zusätzliche Problemebene der Kosten des Gesundheitswesens hinzu: Weggeworfene Medikamente werden (je nach Versicherung auch in Teilen) oft erstattet (=bezahlt) und belasten sowohl das Privat- wie das Kassen-Budget. Auch eine nie dagewesene Verschmutzung des gesamten Planeten gehört zu den – abgeleiteten – Aspekten dieses Themas.

Fazit: Missbrauch von Verschreibungen oder Medikamenten fördert eine generelle Verteuerung im Gesundheitswesen. Sein grösster Schaden aber liegt beim Menschen selbst. Und hier wäre es wirklich gut, wenn jeder einzelne Vernunft, Kenntnisse und Augenmass in guter Weise kombinieren würde. Wie das geht: «Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker»!

Halbleere Medikamenten-Packungen: Sie können mehr als ein Ärgernis sein. Augenmass sei im Umgang mit ihnen gefordert, mahnt der Kantons-Apotheker.

Dr. pharm. Samuel Steiner ist als Kantons-Apotheker für eine Vielzahl von Aufgaben verantwortlich. Hier äussert er sich zum Problem der Über-Mengen bei Medikamenten-Packungen.

Der Artikel erschien am 21.2.2020 im „Frutigländer“

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