Welten Verschmelzen

Zwei Welten verschmelzen in einer neuen App des Naturparks Diemtigtal: Die reale (Wald, Park etc.) und eine virtuelle Welt aus den Tagen des Albert Schweitzer.

Was nicht alle wagen, hat der Naturpark Diemtigtal einfach mal gemacht. Und das ohne allzu grosses Aufhebens: Für den Albert-Schweitzer-Themen-Weg an der Grimmialp hat man eine App entwickeln lassen, der Idee genial ist, die aber weder einfach zu erklären, noch leicht zu handhaben ist. Dennoch. Hier ein kleiner Einblick in ein geniales Projekt.

Die Sternstunde

Es ist der 9. Januar 2020 in Interlaken. Der Innovationspreis der «Volkswirtschaft Berner Oberland» wird vergeben. Drei Tourismus-Destinationen kamen in die engere Auswahl, und – klar – nur eine konnte gewinnen. Wohl war es nicht der Naturpark Diemtigtal, aber – folgt man den Hintergrund-Gesprächen – so muss die Jury gezögert haben. Denn erst im allerletzten Auswahl-Gang hatte sie sich ihr endgültiges Urteil gebildet und eine vorher über lange Zeit erarbeitete Überzeugung über den Haufen geworfen. Dem Sieger «Snowfarming» in Adelboden gebührt alle Ehre: «Im Projekt Snowfarming steckt Pionierarbeit und grosses Engagement, das einen Mehrwert für die Region bringt», erklärte Chantal Beck, die RailAway-Geschäftsführerin im Namen all ihrer Kollegen nach der Preisverleihung.

Doch es hatte in zwei Kategorien («Tourismus» und «Berglandwirtschaft») insgesamt 21 Projekt-Eingaben gegeben, und unter den drei nominierten Projekten war der Albert-Schweitzer-Themen-Weg mit einer genialen App als dem technischen Zentrum des Projekt-Vorschlags. Es war wirklich eine Sternstunde für alle an dem Themenweg im Diemtigtal Beteiligten. Aber was steckt dahinter?

Die Idee

Albert Schweitzer war, besonders in seinen frühen Jahren, oft auf der Grimmialp. Und er ist dabei immer wieder einen Weg gegangen, der seit einigen Jahren in Zusammenarbeit mit dem «Schweizer Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Hospital in Lambarene» in verschiedenen Stadien durch das Lebenswerk des weltberühmten «Urwald-Doktors» aus dem Elsass führt.

Die Idee war es, eine Art Erlebnis-App zu entwickeln, die erstens nur bei dem Begehen dieses Weges aktiviert werden kann und die zweitens «dort oben» im Diemtigtal die Stationen des Lebens – vom Elsass, über Dschungel- und Hospital-Erlebnissen von Albert Schweitzer bis hin zu dessen Orgelspiel – in einer Art Infotainment-Installation (also einer Mischung aus Information und Entertainment) erlebbar werden lässt.

Das Grundprinzip besteht darin, dass die objektive Realität (Natur, Weg, Infrastruktur, alle sinnlichen Eindrücke) durch die App mit einer virtuellen Welt kombiniert wird, die eine didaktische Lernumgebung schafft. Dies allerdings nur, wenn der Nutzer sich wirklich auf dem Weg befindet. Wer also neugierig ist, der muss dorthin, an die Grimmialp.

So genannter «Screenshot» der neuen Naturpark-App für den Albert-Schweitzer-Weg.

Technisch werden dazu nahezu alle Funktionen eines modernen Smartphones genutzt und mit einer interaktiven Oberfläche kombiniert. Und wenn man die App selbst testet, dann wird man nicht nur mit technischen Fachbegriffen konfrontiert, die man vielleicht kennt (etwa «Bluetooth» oder «Beacons»), sondern man muss sich fragen, was das mit «Dramaturgie» und «Szenographie» zu tun hat. Viel offensichtlich.

«Erlebnistechnisch» passiert etwas, was man sonst nur in Grenzsituationen erlebt: Es ist, als ob sich «Traum» mit Wirklichkeit bruchlos vermischen. Ein sehr spezielles Erlebnis.

Der Nutzen

Der primäre Nutzen liegt eindeutig beim Benutzer. Er lernt nicht nur «etwas», sondern nach und nach scheint sich ein Gefühl einzuschleichen, als ob gewissermassen «hinter der Realität» noch eine andere Realität stecken könnte. Und man wird unendlich neugierig.

Für eine Tourismus-Destination wie den Naturpark Diemtigtal, so erläutert im persönlichen Gespräch dessen Geschäftsführer, der Walliser Norbert Schmid, ist es äusserlich zunächst einmal wichtig, den Naturpark («unberührte Natur») nicht «zuzupflastern».

Aber auch technologisch will man neue Wege gehen, weil die überwiegende Besucherzahl des Naturparks (ca. 80%) Tagesgäste sind: Oft junge Familien mit Kindern, deren alltägliche Medien nicht Schilder sind, sondern Smartphones und Tabletts. Auf beiden läuft die App. Es ist also eine «Kanal-Adaption», wie man das technisch nennen würde, eine Art Seitwärts-Verschiebung der Vermittlungs-Wege nicht nur auf besser akzeptierte Medien, sondern es ist mehr: Die Informations- und Erlebnis-Tiefe wird entscheidend verbessert. Und dies im Grunde um Dimensionen und nicht nur graduell. Das genau ist das Geniale an der App.

Die Handhabung im Alltag

Alles toll? Fast, ja, doch. Aber im Alltag gibt es auch Einsatz-Hindernisse: Da ist zunächst das Downloaden. Nicht alle sind auf das Downloaden einer mittelgrossen App eingerichtet, und längst nicht alle können es bereits. Doch das wird besser werden, Monat für Monat.

Aber wie «erklär ich’s meinem Kinde», will sagen: Wie wird die App in der Werbung beschrieben?  Abstrakt geht das schnell: Fassbare Realität und virtuelle Realität werden – exklusiv an einen Ort gebunden – so aufeinander bezogen, dass eine gemeinsame, neue Lernumgebung entsteht. Doch kaum hat man den Satz gehört, ist er schon nicht mehr so anschaulich.

Problem und Überraschung

Besser könnte es sein, und es wäre ein verrückter Gedanke, die App – von Seiten des engagierten und fähigen Entwicklers Fabio Rudolf – so installationsfähig zu machen, dass sie beim ersten Test «irgendwo» in der Schweiz, eine Demo-Umgebung öffnet, mit der der Nutzer lernen kann, wie er mit dem neuen digitalen «Werkzeug» umgeht. So müsste der Nutzer nicht erst zur Grimmialp fahren, um das zu testen, was ihn dazu bewegen könnte (und hier beginnt es schwierig zu werden), … erst einmal zur Grimmialp zu fahren, um das zu testen… etc… Man sieht schon: Hier tut sich eine Art Endlos-Schleife bei der allerersten Handhabung der Naturpark-App auf.

Aber wäre so etwas möglich? Wir haben Fabio Rudolf besucht, und ihm solch eine Frage gestellt. Seine Antwort endet mit einer Überraschung:

«Die Frage nach einem «Versuecherli» hat ihre Berechtigung, auch wenn wir das eigentliche Erlebnis an den konkreten Standort Diemtigtal binden wollen»,

erklärt er. Und dann gibt er ein überraschendes Versprechen ab:

«Im App-Menü unter «Anleitung und Info» findet sich zum Schluss der Erklärungen ein Link, der direkt zum ersten Standort des Albert-Schweitzer-Wegs führt. Wer diesen Link benutzt, wird kurz darauf einen Gast im – virtuellen – Raum haben und dann hoffentlich Lust bekommen, diesen Gast auf der Grimmialp noch besser kennen zu lernen.»

Nach einem letzten Telefonat scheint klar zu sein: Das wird ab dem 23. Januar funktionieren. Schweizweit, weltweit. Die App ist für Android und Apple iPhones aus dem App-Store als «Naturpark Diemtigtal» herunterzuladen. Der direkte Link zum Download der App ist: http://onelink.to/3rpdyy .

Der Grimmialp und dem Naturpark Diemtigtal wird dies helfen, und die vielen Tagesgäste des Diemtigtales haben damit eine Hürde weniger, wenn sie die Themenwege des Parks besuchen.

Der Nutzen für die gesamte Region

Unterdessen ist der Naturpark-Geschäftsführer Norbert Schmid, das wird im Gespräch schnell klar, bereits mit Vorüberlegungen für viele Jahre im Voraus beschäftigt: Wenn man nur den gesamten Naturpark Diemtigtal mit solch einer App «bewirtschaften» könnte…! Er sagt das nachdenklich, fast zögerlich. Aber im Grunde scheint er überzeugt, dass sich «sanfter Tourismus» eben auch auf diese Weise abspielen könnte. Es gibt, wie er sagt, gerade dort noch viel Potential für die Sensibilisierung der Zielgruppen; dies gelte für die Orte («Diemtigtal»), aber auch für die Themen («Naturpark») und deren Medien, zum Beispiel die neue App.

Dass deswegen aber kurzfristig mehr Besucher in die Region kommen, das glaubt er eigentlich nicht. Doch sind sie einmal da, dann entsteht – auch wegen der App – eine andere Bindung zum Diemtigtal und seinem Naturpark. Und so könnten aus den Tages-Besuchern einmal Freunde des Naturparks werden. Eine grosse und eine sehr langfristige Perspektive. Gut für alle wäre das, und – wie schon die App selbst – eine tolle Idee: Kundenbindung durch eine erhebliche Nutzen-Vertiefung. Mit möglichst niedrigen Einstiegs-Schwellen.

Die neue App des Naturparks Diemtigtal

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