Kulturförderung: Es ist eine hohe Kunst

Der Frutiger Künstler Reto Steiner ist Mitglied im «Kulturrat» der «Volkswirtschaft Berner Oberland». Wir haben ihn in einem Werkstattgespräch zu seiner Rolle und den Aufgaben des Rates befragt.

Teil einer Netzwerk-Organisation

Der «Kulturrat» ist Teil einer das ganze Oberland übergreifenden Netzwerk-Organisation, die nicht nur jedes Jahr «Wirtschaftsbrunches» und andere Networking-Veranstaltungen ausrichtet, sondern die auch für eine Reihe von Verbänden des Oberlandes die Geschäftsstelle organisiert und besonders in Interlaken Berufsförderungsmassnahmen durchführt. Der Kanton fördert die Aktivität «Volkswirtschaft» durch Präsenz in deren Leitungsgremien und durch finanzielle Zuschüsse, die in der Regel wieder an konkrete Aufträge gebunden sind.

Dem doppelten Ziel der «Volkswirtschaft», nämlich im Innern der Region die Zusammenarbeit zu fördern und deren Image nach aussen zu vertreten, ist auch der «Kulturrat» verpflichtet. Dem Kulturrat sind damit sowohl Möglichkeiten gegeben wie auch Grenzen seiner Wirksamkeit gesetzt.

Geschichte und Gegenwart

Eine der Haupt-Aktivitäten des Kulturrates in der Vergangenheit war die Auslobung eines Preises («Kulturpreis des Berner Oberlandes»), der zuletzt 2018 an den Regisseur und Filmemacher Markus Imboden vergeben wurde. Die Reihe der Preisträger beginnt 2003 mit Polo Hofer und listet eine Reihe mehr oder weniger berühmter Namen, die alle – folgt man den Statuten des Preises –  «Wohnsitz im Berner Oberland oder eine enge Bindung zum Berner Oberland» haben. Dabei soll der Preis ausdrücklich (Statuten) das «Lebenswerk» eines Künstlers/einer Künstlerin auszeichnen, er sei «kein Förderpreis». Das Schaffensgebiet der durch den Preis Ausgezeichneten kann «im ganzen Gebiet der Kultur» liegen. Als Beispiele ausdrücklich genannt werden: «bildende Kunst, angewandte Kunst, Musik, darstellende Kunst, Literatur, Film oder auch Kulturvermittlung».

Auch die Herausgabe von Publikationen und ein alle zwei Jahre veranstaltetes « Kulturforum» gehören zum Handlungsrahmen des Kulturrates. Unter Vorsitz der beiden Thuner Beatrice Fridelance (Präsidentin) und Kurt Keller (Vize) ist ein Rat entstanden, der die Politik der «Volkswirtschaft» bestimmt und dem auch der Frutiger Reto Steiner angehört. Und zur Zeit, so hört man, hat sich der Kulturrat gerade erst neu formiert und ist an einer Neuausrichtung interessiert. Man darf gespannt sein.

Förderung von Kultur im Oberland?

Was aber ist Kultur im Berner Oberland? Und wie geht es mit dem Preis weiter, der eigentlich turnusgemäss 2020 wieder vergeben werden könnte? Anders gefragt: Gibt es im Oberland denn künstlerische Persönlichkeiten, deren Lebenswerk in regelmässiger Folge ausgezeichnet werden könnte? – Das bisherige Konzept könnte man durchaus als Generationen-Aufgabe verstehen.

Reto Steiner hat, das wird in dem Gespräch deutlich, genau hier Zweifel. Selbst zu den «Jungen» zählend, vermisst er ein förderndes Element in dem gesamten Konzept des «Kulturpreises», das es jungen, aufstrebenden Künstlern ermöglichen würde, bekannter oder besser zu werden. In der Tat scheint die bisherige Satzung dies geradezu auszuschliessen: «Keine Förderung» steht da, «sondern Auszeichnung».

Reto Steiner selbst ist – ohne Förderung der «Volkswirtschaft», jedoch mit manchen regionalen Förderern (so etwa einem Preis der Stadt Thun) – zu einem weit über die nationalen Grenzen hinausgewachsenen Künstler und Steinbildhauer geworden. Der «Frutigländer» hat schon mehrfach darüber berichtet. Steiner weiss daher genau, wovon er spricht, und sein Wunsch nach Nachwuchsförderung ist verständlich.

Für ein neues Konzept des Kulturpreises

Er könnte sich ein ganz anderes Konzept vorstellen, sagt er nach einigem Nachdenken. Ein Konzept, in dem man sich auch darüber Gedanken macht, was denn Kultur ist – und was sie von «Kunst» unterscheidet. Das wäre eine anspruchsvolle Diskussion, die aber – wenn sie öffentlich genug geführt würde – dem ganzen Oberland etwas bringen könnte.

Er, Reto Steiner, könne sich gerade die Förderung junger Künstler auf der Basis von Kriterienkatalogen vorstellen, wird er deutlicher. Kriterienkatalogen, die es auch ermöglichen würden, bereits bestehende kulturelle Aktivitäten «mit Potential zur Weiterentwicklung» zu fördern. Freilich müsse man sich dann auch darüber unterhalten, was denn «Kultur» im Oberland genau bedeutet und wer gefördert werden könnte. Dies könnte ja durchaus die Ebene individueller Künstler verlassen und ganze Ensembles oder kulturelle Einrichtungen einschliessen.

Förderung des Kommenden statt Vernetzung des Bestehenden

Und genau dies könnte – nach seiner Auffassung – auch die Aufgabe einer dem Kanton nahestehenden Organisation wie der «Volkswirtschaft» sein. Denn zu sehr sei man dort mit der Vernetzung des Bestehenden und weniger mit der Förderung des Kommenden beschäftigt.

Und «in der Szene» – sei es in der Wirtschaft oder im Kulturbetrieb – da kenne man sich schon gegenseitig genug, und es bedürfe eigentlich nicht der «Förderung der Vernetzung» (wie es die Website der «Volkswirtschaft» ausdrücklich angibt), sondern einer Förderung der jeweiligen Aktivität selbst. Das gelte sowohl für die Kultur als auch für die Wirtschaft. Reto Steiner wählt den kaum überhörbaren kritischen Ton bewusst.

Und «Förderung ohne Auszeichnung», fährt er fort, das sei möglich, nicht jedoch «Auszeichnung ohne Förderung». Denn – und da kann man ihm nur beipflichten – in jeder Auszeichnung stecke ein enorm förderndes Element. Die Förderung sollte daher eigentlich einer möglichen Auszeichnung vorauslaufen, wenn man möchte, dass die Kulturaktivitäten im Oberland auch in Zukunft weiter wachsen.

Denn wo keine Menschen sind, die sich «mit Haut und Haar» der Kultur verschreiben, da werden auch keine Persönlichkeiten heranwachsen, die man – vielleicht Jahrzehnte später – für ihr Lebenswerk auszeichnen kann. Und das eine (die Förderung) schliesse das andere (eine Auszeichnung) ja auch nicht aus.

Eine nachdenkliche Note, die dem ganzen Werkstatt-Gespräch mit dem Künstler Reto Steiner den Charakter einer «Gedanken-Werkstatt» gegeben hat.

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