Wunsch und Wirklichkeit: Der 9. November 1989

Beginnen wir bei der Wirklichkeit: Noch eine Woche vor dem 9. November 1989 begrüsste die damalige DDR-Führung das Angebot der Volksrepublik China, in grossem Umfang chinesische Arbeiter in den Deutschen Osten zu schicken, um das mittlerweile ausgeblutete Wirtschaftssystem des «Bruderstaates» DDR zu stützen.

Zu der Aktion kam es jedoch nicht mehr: Bereits am 4. 11. Demonstrierten mehrere Hunderttausend DDR-Bürger in Ostberlin für mehr Reisefreiheit und Demokratie. Erstmals wurde dabei die politische Führung hemmungslos «durch den Kakao gezogen». Parteichef Egon Krenz wurde als «Grossmutter» mit Wolfszähnen im Bett dargestellt (siehe Bild).

Alles konzentrierte sich nun auf die Reisefrage. Die damalige Parteiführung (das «Zentralkomitee») der staatstragenden Partei SED bereitete seit 10 Uhr am 9.11. im Rahmen einer Sondersitzung eine neue Reiseregelung vor. Die Sitzung bindet jedoch 29 von 44 verantwortlichen Ministern, die der Regelung zustimmen müssten. Gegen 15 Uhr ist klar, dass nur 15 der zuständigen Minister in ihren Ämtern angetroffen wurden, die Regelung sollte jedoch bis 18 Uhr im so genannten «Umlaufverfahren» beschlossen werden. Man spürte die Dringlichkeit über die Massen.

Die Reisefrage

Gegen 16 Uhr unterbricht SED-Chef Egon Krenz die Sitzung, in der die «fehlenden» 29 Minister sitzen: Die neue «Reiseregelung» wird verlesen und nach wenigen Änderungen in kurzer Abstimmung angenommen. Die Motivation – der «Wunsch» –  für die ab Gültigkeit der neuen Reiseregelung geltende «bedingte Reisefreiheit» (es sollte immer noch Visumspflicht herrschen) war es, dem Ansehen der DDR nicht weiter dadurch zu schaden, dass Hunderttausende über «Drittstaaten» wie z.B. Ungarn in den Westen flüchteten.

Um 18 Uhr beginnt eine internationale Pressekonferenz in Ost-Berlin auf der Günter Schabowski, Sprecher des SED-Politbüros, die Ergebnisse der Sondersitzung des SED-Zentralkomitees erläuterte. Fast 50 Minuten lang lullt er die anwesenden Journalisten, von denen viele nur schlecht Deutsch können, mit Parteifloskeln ein.

Nur ein wegen Parkplatznot rettungslos zu spät gekommener italienischer Journalist, Ricardo Ehrman von der Nachrichtenagentur ANSA, findet in 2 Metern Entfernung von dem Sprecher Schablowski noch einen Platz auf einem Not-Sitz. Und exakt 18:53 Uhr, am 9. November 1989, fragt Ehrmann wörtlich mit singendem italienischem Akzent: «…glauben sie nicht, es war eine grosse Fehler, die Reiseregelung von vor wenigen Tagen?» Der Satz veränderte die Geschichte.

Irritierte Führung

Der auf diese sehr offene Frage fast hilflos reagierende Sitzungsleiter Schablowski erläutert daraufhin die neue Reiseregelung, wie sie noch am Nachmittag beschlossen worden war. Die Ausreise solle demnach «ohne Voraussetzungen» möglich sein. Und auf die Nachfrage eines Journalisten der deutschen «Bild-Zeitung», ab wann sie denn gelte, ergänzt er: «Nach meiner Kenntnis ist das unverzüglich, sofort.»

Bereits 19:02 haben fast gleichzeitig die italienische Agentur ANSA, die amerikanische Agentur Reuters und mehrere andere Agenturen die Meldung abgesetzt, dass die DDR eine Reiseregelung verabschiedet hätte, die gleichbedeutend sei mit dem Fall der Mauer. 19:05 spricht die Agentur «Associated Press» verfälschend davon, die DDR würde die «Grenzen öffnen».

Das (west-)deutsche Fernsehen ZDF veröffentlicht gegen 19:17 zwar nur eine Kurzmeldung über die Pressekonferenz, ohne von einer «Grenzöffnung» zu sprechen. 19:31 Uhr berichtet jedoch das DDR-Fernsehen wörtlich: «Privatreisen nach dem Ausland können ab sofort ohne besondere Anlässe beantragt werden.“

Die Welle

Doch jetzt kommt die «Welle», denn es sind nun die Berliner Bürger, die dem Spuk und der Unklarheit ein Ende bereiten und aus dem Wunsch und der Vagheit der DDR-Führung eine neue Wirklichkeit werden lassen: Gegen 19:40, das wissen heute die Historiker, wird zum ersten Mal die Beschwerde eines Bürgers polizeilich vermerkt, er dürfe nun «ohne Visum» ausreisen und wolle das auch durchsetzen.

Ab jetzt spielen die Medien der Bewegung zusätzlich in die Hände: Das erste Programm des (west-)deutschen Fernsehens berichtet – ob gewollt oder ungewollt – falsch, aber vermutlich entscheidend Schlag 20 Uhr, die DDR würde die Grenzen öffnen. Wenige Minuten später warten bereits Hunderte von DDR-Bürgern an verschiedenen Berliner Grenzübergängen, mit notdürftig gepackten Koffern, bereit zur Ausreise. «Tröpfchenweise» werden aber nur Wenige durchgelassen.

Es ist 22:42, und erneut berichtet das erste deutsche Fernsehen ARD falsch: «Die Tore der Mauer stehen weit offen». In Wirklichkeit war das – noch – keineswegs der Fall. Der Wunsch danach und die offensichtlichen Irritationen auf Seiten der DDR-Führung war aber so gross, dass 23:30 Uhr einer der Kommandeure der Grenztruppen den seltsamen Befehl durchgibt: «Wir fluten jetzt!», was so viel heissen sollte, wie «Wir lassen die an den Grenzen Wartenden jetzt einfach rennen». Und nur sieben Minuten später notiert die West-Berliner Polizei, dass der erste Übergang «praktisch offen» sei. Nach und nach folgen alle weiteren.

Die Mauer ist Geschichte

Es ist schliesslich 00:44 am frühen 10. November 1989: Mit der Öffnung des Kontrollpunktes an der Autobahn nach Hamburg fällt auch die letzte Grenzkontrolle rund um Berlin. Die Berliner Mauer, die seit 1961 bestanden hatte, war Geschichte. Und in einer Art hoffnungsvoller Trunkenheit gingen die «beiden deutschen Staaten», und vor allem deren Bürger, in den darauffolgenden Monaten aufeinander zu.

Ricardo Ehrmann erhielt 2008 den «Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland».

Ω

Der Verfasser hat diesen Abend des 9. November 1989 mit seiner damals jungen Familie vor dem Fernsehapparat mitverfolgt. Zunehmend fassungslos versuchte er, die Ereignisse bis nach Mitternacht zu verstehen, Freudentränen und eine Flasche Sekt zur Feier der Nacht inbegriffen. Am darauf folgenden Tag erhielt er den am 9. 11. unterschriebenen Vertrag für eine neue Arbeitsstelle, in der er die politischen Beziehungen der deutschen Messegesellschaften in Ost und West – allen voran die alten «Messe-Rivalen» Frankfurt und Leipzig – an «vorderster Front» für lange Zeit aktiv mitgestalten konnte.

© Das Bild der Pressekonferenz ist unter der folgenden Lizenz frei verfügbar: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1109-030,_Berlin,_Schabowski_auf_Pressekonferenz.jpg

Quellen: Neben einer Reihe von Zeitungsartikeln und eigenen Archiven, ist das folgende Interview mit Ricardo Ehrman in italienischer Sprache ausgewertet worden: https://www.youtube.com/watch?v=8vZ3oH8Rhho

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