«Bezahlen werden wir in jedem Fall»

«Neophyten»: Das griechische Wort will nicht so recht in unserem Gehirn hängenbleiben. Viel nachhaltiger als ihr Name bleiben aber die Pflanzen selbst «hängen»: Denn die «Neu-Gewächse» (so die wörtliche Übersetzung von «Neophyten») haben sich äusserst gut bei uns eingerichtet.

An der Kander findet man schon heute ein «Schein-Idyll»: Was sich da äusserst unscheinbar im Vordergrund verbirgt, ist eine «fremde Fliederart», deren Auswirkungen sowohl auf die Tier- wie auf die weitere Pflanzenwelt als «unbedingt schädlich» eingestuft werden muss.

Man mag es eigentlich nicht glauben, aber zu uns sind in den vergangenen Jahrzehnten über verschiedene Kanäle derart viele «fremde» Pflanzen und Tiere eingeschleppt worden, dass unser einheimisches Ökosystem massiv bedroht erscheint.

Worüber reden wir?

Seit 1492 (das ist die offizielle Zählung) haben sich laut dem Bundesamt für Umwelt über 800 neue Pflanzen (sowie viele Tiere, Pilze und Mikroorganismen) bei uns angesiedelt (Stand 2006). Die Mehrheit von ihnen ist gut integriert (z.B. Rosskastanie) oder gehört schon zu unserer Kultur (Kartoffel; «Rösti»), und sie alle sind eigentlich nicht gefährlich für unsere Natur.

Als «invasive Neophyten» bezeichnet man aber solche Pflanzenarten, die unser Ökosystem massiv bedrohen (z.B. Erosion an Bachläufen) oder Mensch und Tier richtig schädigen (z.B. Johanneskreuzkraut, Riesen-Bärenklau). Rund 100 solche Pflanzenarten der Schweiz gelten als tatsächlich oder potentiell gefährlich und werden bekämpft, zumeist, weil sie sich «proaktiv» («invasiv») ausbreiten. Und – fast unbemerkt – konnte sich eine Reihe dieser Schädlinge weiträumig ausbreiten und ihre Wirkung entfalten, ohne dass wir sehr viel davon bemerkt haben.

Was kann man tun? – Hohe volkswirtschaftliche Kosten

Doch was kann man tun? Das Wichtigste ist das, was alle tun: Schweizer, Deutsche, Österreicher, überhaupt Mitteleuropäer, sie informieren! Der Bund hat eine Liste schädlicher Pflanzen zum Download veröffentlicht, die man unter

https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/biodiversitaet/publikationen-studien/publikationen/gebietsfremde-arten.html

findet. Die Gesamtkosten für deren Bekämpfung wurden zuletzt auf rund 90 Mio Franken geschätzt. Pro Jahr! In der gesamten EU beläuft sich eine solche Schätzung auf rund 20 Mrd. Euro. Pro Jahr!

«Es kann so schlimm ja nicht sein»?

Dabei ist es verständlich und naheliegend, dass man zunächst versucht, keine übertriebene Furcht oder gar eine Hysterie zu entwickeln. Schliesslich verändert sich die uns umgebende Natur ja ständig, und sie tut dies seit vielen Tausend Jahren.

Doch eigentlich sind sich alle einig: Die Schäden für Staat und Gesellschaft durch Neophyten sind zu gross um sie zu ignorieren! Und immer noch scheint auch der biologische Ausgang der Sache langfristig offen. Ein beunruhigendes Szenario.

Was kann man aber tun? Es scheint, dass hier alle «auf ihrer Ebene» etwas tun müssen.

«Wurzelziehen» gegen «Kettenreaktionen»

Was Gemeinden und Gartenbesitzer gleichermassen tun können, könnte man unter die Überschrift «Wurzelziehen» stellen.

Nicht nur in der Mathematik ist das «Wurzelziehen» («Radizieren») das Gegenmittel gegen «Kettenreaktionen» (genauer gegen «exponentielles Wachstum»). In unserem Fall: Weil nämlich viele Neophyten ihre Samen in einem solchen Übermass streuen, dass aus einer einzelnen Pflanze in kürzester Zeit ein ganzer Teppich entstehen kann, muss man sie samt ihren Wurzeln herausreissen. Das ist äusserst mühsam.

Einer, der das in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde Frutigen macht, ist ein junger Frutiger Sekundarlehrer, der zur Zeit seinen Zivildienst bei «Beo Asyl» (Verein Asyl Berner Oberland) absolviert.

Zivildienst und Asylantenbetreuung zum «gemeinen Nutzen»

In der Zeit vom 22.7. – 6.12.2019 beschäftigt sich Janick Klossner damit, eine Gruppe von Asylanten anzuleiten, deren Aufgabe es ist, Neophyten aufzuspüren, zu entwurzeln und zu entsorgen. Das Beschäftigungsprogramm läuft in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Frutigen. Auftrag und Instruktionen erhalten die «Wurzelzieher» vom Chef der Frutiger Wegmeistergruppe.

Was ist das für eine Arbeit?

Der Teamleiter, der Zivildienstleistende Janick Klossner, erklärt einem irakischen Flüchtling die Eigenschaft einer soeben herausgerissenen schädlichen Goldrute.

Der Eritreer A. ist richtiggehend glücklich, dass er in der freien Natur arbeiten darf: «Schöne Arbeit», sagt er immer wieder.

Der politische Flüchtling M. (er ist türkischer Kurde) ist als Apotheker überqualifiziert für die Aufgabe des «Herausreissens» von Pflanzen. Aber er bereichert das Frutiger Team durch sein grosses botanisches Wissen.

Lässt man den Verantwortlichen vor Ort selbst zu Wort kommen, dann hören sich seine überzeugten Sätze so an:

  • «Ich bin erstaunt über die wunderbare Natur in direkter Nähe zu meinem Wohnort (Frutigen), welche ich zum Teil so noch nicht kannte…» …
  • «Auf den zweiten Blick jedoch bin ich erschrocken über diese buchstäbliche Invasion von Pflanzen, welche die Biodiversität gefährden. Aber auch über die Unmengen an Abfall, welchen wir zusammensammeln…»…
  • «ich bin auch enttäuscht über den Leichtsinn, die Bequemlichkeit oder die Unwissenheit einiger Leute… über das fehlende Bewusstsein bei der Bevölkerung über die Problematik und unsere Arbeit.»

«Ich glaube aber», sagt er am Schluss seiner Zusammenfassung, «Mit Ausdauer schaffen wir das!». Und er ermuntert damit sowohl seine Leute als auch sich selbst.

Was können die Fachleute tun?

Doch auch Fachleute können kaum mehr als «Wurzelziehen»: Vom Krattiger Revierförster Florian Kislig (Bezirk Thunersee-Suldtal) sind im persönlichen Gespräch markante Sätze zu hören: «Wehret den Anfängen» ist sein grundsätzliches Motto.

Und so engagiert auch er sich massiv in der möglichst frühen Beseitigung von schädlichen Einwanderungs-Pflanzen. Allerdings ist diese Arbeit beschwerlich – und für die Gemeinden teuer.

Doch er alleine und seine Gemeinde, meint er nachdenklich, könnten die damit verbundenen Aufgaben nicht lösen. Es muss flächendeckend gelöst werden, für die ganze Schweiz. Auch wenn einige Kantone (Tessin) schon fast aufgegeben haben.

Ein riesiges Problem sei das Verhalten mancher Gartenbesitzer: Einige würden sehr unvernünftig handeln. Und er präsentiert das negative Beispiel einer ausgewilderten Bambus-Population – in «Wurfweite» eines mit Bambus bepflanzten Ziergartens. Ein «Schelm, wer sich nichts Schlechtes dabei denkt…»

Bambus bildet nicht einfach nur weitläufige Wälder, sondern ein teppichartiges Wurzelwerk, in dem keine andere Grosspflanze eine Chance hat. Hier ein Bild aus dem Eybachtal bei Aeschi.

Auch der Bund und die Kantone müssten ihren Teil machen, etwas durch die Bereitstellung eines breiten und einheitlich geregelten Gesetzesrahmens. Und eben der ist ja auch in Vorbereitung. Die Vernehmlassung endete Anfang September 2019.

Doch die «Verantwortung liegt schlussendlich bei jedem». Alle müssten sich engagieren. Sein Blick geht dabei weit in die Ferne.

Förster Kislig denkt überhaupt sehr langfristig: 60, ja 70 Jahre im Voraus plane er die Wälder. Und da stellen die neu eingewanderten Arten einen unberechenbaren Störfaktor dar. Denn er hat ja schon jetzt flächendeckend mit kaum zu behandelnden Baumkrankheiten zu kämpfen: Während, wie er sagt, das Ulmensterben durch eine – man kann nur staunen, wenn man das hört – «natürliche Gegenreaktion der Bäume selbst» eingeschränkt wurde, ist man aktuell mit dem Eschensterben beschäftigt.

Eine absterbende Esche im Engstligental: Bakterien, Pilze, Larven und Käfer bedrohen die einheimischen Eschenarten oft schon genug. Neuerdings kommen auch «invasive Arten» (Bakterien und Käfer) hinzu, gegen die die einheimischen Eschen noch kein Gegenmittel gefunden haben.

Die Rolle der Fachleute (und da gehört er zweifelsfrei dazu) sieht er darin, die Gemeinden und deren Bürger zu befähigen, nicht nur sie zu informieren.

Was müssen Kantone und der Bund tun?

Das wichtigste mittel ist dabei sicher, den Rechtsrahmen bundesweit verbindlich abzustecken. Der Entwurf der bislang geplanten gesetzlichen Regelungen ist via Internet für jeden einsehbar:

https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/biodiversitaet/mitteilungen.msg-id-75033.html

Haben wir überhaupt eine Chance?

Die Grundfrage aber ist fast eine «philosophische», sie ist im Grundsatz spekulativ. Und die Antwort für die einzelnen Kantone fällt mit Sicherheit unterschiedlich aus: Haben wir überhaupt eine Chance?

Ob wir etwas tun (Gemeinden wie Köniz, Krattigen, Spiez oder Frutigen sind hier aktiv), oder ob wir nichts tun (wie etwa Adelboden): Bezahlen werden wir in jedem Fall.

Entweder für die Schäden, wenn wir nicht handeln. Oder für die Kosten des Handelns, wenn wir uns gegen die Schäden wehren.

Es ist nur die Frage, ob und wie wir unserer Verantwortung gerecht werden. Auf die eine oder andere Weise.

Der Beitrag ist am 18.10.2019 im „Frutigländer“ erschienen.

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