Warme Wellen wogender Klänge

In der Boltiger Kirche gastierte am 19.8. das Pariser Cello-Oktett «Les Violonistes Français » mit einem « Rêveries Françaises», also französische Träumereien» überschrieben Programm. Das auffallend Generationen übergreifende Ensemble überzeugte durch phänomenale Sensibilität und meisterliche Beherrschung der Instrumente.

Ein Interview mit einem der Leiter, dem Pariser Musikprofessor und Cello-Virtuosen Roland Pidoux, ist als Beitrag angefügt.

Klang und Spielfreude

Ein ungeheuer warmer, sensibler Klang war bereits während der dem abendlichen Konzert vorausgehenden Proben zu hören. Spürbar war aber auch spielerische Humor und jugendliche Charme des hochklassigen Ensembles, das nahezu drei Generationen übergreift. Hoch begabte Studenten, arrivierte Solisten (z.B. der vielfach ausgezeichnete Kammermusik-Virtuose Raphael Pidoux) und seit über fünf Jahrzehnten brillierende Berühmtheiten wie dessen Vater, Roland Pidoux, spielen in dem Oktett Seite an Seite, ja auf Augenhöhe.

Das Ensemble «Les Violoncellistes Français » (Ausschnitt) während der Proben in der Boltiger Kirche.

Traum und Träumereien

Im Mittelpunkt des mit «Träumereien» überschriebenen Programms stand eigentlich der Traum in seinen verschiedenen Formen selbst. Durchweg als Transkriptionen für Violoncelli arrangiert, umfasste der Abend «traumbezogene» Kompositionen fast aller grossen französischen Komponisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Berlioz, Gounod, Saint- Saëns, Delibes, Fauré, Ravel, Hahn, Offenbach und Bizet.

Dabei war das Wort «Träumereien» wohl eher als Gattungsbegriff für verschiedene Arten des Traumes zu verstehen. Denn man war thematisch – musikalisch in schönstem Gewand gekleidet – im Laufe der hochsensiblen und extrem klangstarken Aufführung sowohl mit Träumen als auch mit Alpträumen konfrontiert, mit verliebtem Nachsinnen und Anbeten ebenso wie mit einem schwermütigen «Lamento».

All das war – auch von den jungen Ensemblemitgliedern – in meisterlicher Perfektion und mit höchster Leidenschaft vorgetragen, und oft wurden die Grenzen des Instrumentes ausgelotet.

Kirche und Kirchenraum als Inspiration

Kirche und Kirchenraum dienten dabei als ein Ambiente, das all das erst ermöglichte. Kaum ein Konzertsaal hätte solch eine Nähe und Unmittelbarkeit, ja solch eine gefühlsmässige Betroffenheit erzeugen können (vgl. dazu das nebenstehende Interview mit Roland Pidoux).

In der Tiefe betrachtet hatten eine Reihe von Stücken grosse, fast existentielle Dimensionen. So beispielsweise einer der Schwerpunkte der Aufführung in Boltigen, Maurice Ravels «Grab von Couperin», einer Erinnerung sowohl an den grossen französischen Barock-Komponisten wie an sechs Freunde Ravels, die im Laufe des Ersten Weltkrieges gefallen waren.

Doch auch dieses schwere Thema war an dem Boltiger Musikabend aufgefangen von einer typisch französischen Leichtigkeit des Vortrags, von einer spielerischen Eleganz der Gestaltung und grosser emotionalen Wärme. Und dies sollte, folgt man den Absichten der Gründer, mit Sicherheit ein Teil der Botschaft sein: Die Cellisten aus Paris waren eben auch Botschafter dieses französischen Lebensstils.

Helle Freude und feurige Zugabe

Helle Freude und mitreissende Gefühle beherrschten schliesslich den Abschluss: Cello-Bearbeitungen bekannter Stücke aus Georges Bizets Oper «Carmen» provozierten eine ebenso rhythmische Zugabe: Einen Tango von Strawinsky, der auch die rhythmische Modernität des Ensembles unterstrich.

Der den Abend beendende Blumengruss der Gstaader Veranstalter des Menuhin-Festivals in leuchtendem Sonnenblumen-Gelb setzte ein letztes Licht auf einen bewegenden und ausnehmend bereichernden Abend.

Schreiben Sie einen Kommentar