TexMex & Country: Stephanie Urbina Jones

In Gedanken ist sie noch für einige Sekunden in Texas oder in Mexiko, das weiss man nicht so genau. Doch schon nach wenigen Minuten ist sie in Frutigen angekommen: Sie begrüsst Ihren langjährigen Kollegen Patterson Barrett und freundet sich dann mit der eigens für sie zusammengestellten italienischen Band an, die sie in diesen Minuten das erste Mal sieht.

Dann ist sie ganz Ohr und Auge und Mund: Stephanie Urbina Jones kommuniziert. Sie gestikuliert, erzählt, erklärt, sie lacht, sie fühlt und bisweilen weint sie fast, als sie die Geschichte ihres Lebens nochmals erzählt.

Sie ist eine warmherzige und überaus entgegenkommende Kommunikatorin, die Country-Sängerin Stephanie Urbina Jones, und das ist vielleicht das Geheimnis ihres Erfolges.

Sie erzählt, wie ihre ersten glücklichen Jahre in Texas zerrissen wurden durch die Trennung der Eltern, wie sie alleine mit der Mutter aufwuchs und ihren halb-mexikansischen Vater erst nach der High-School-Zeit wiedersieht. Dann, dort in Mexico beim Vater, begegnet sie zum ersten Mal ihrer mexikanischen Grossmutter. Es wird ein Schlüsselerlebnis: Kurz vor ihrem Tod spricht die alte Frau in das noch junge Leben von Stephanie: Sie würde das Erbe ihrer Vorfahren in die ganze Welt hinaustragen. Es ist genauso gekommen.

Doch niemand hätte das ahnen können, und dabei wird deutlich, dass es an Stephanie selbst liegt, dass das vor den Augen der erstaunten Country-Welt heute passiert: Schon kurz nach diesen wegweisenden Ereignissen – es war um 2002 herum – beginnt sie, mexikanische und texanische Musik, Mariachi und Country, zusammenzuführen.

Immer wieder finanziert sie ihre Alben und ihre Studiozeiten selbst. Sie beleiht ihr Haus, um die nötigen finanziellen Mittel zu haben, sie tourt und tingelt überall herum, sie klopft an Türen und arbeitet ohne Ende. Aber keines der bekannten Labels nimmt sie unter Vertrag. Doch langsam gehen andere Türen auf.

Zwei Dinge verhelfen ihr schliesslich zum Durchbruch: Das eine ist der Debut-Abend im «Heiligtum» der Country-und-Western-Musik, der seit den 1930er Jahren in den gesamten USA ausgestrahlten Live-Sendung aus dem «Grand Old Opry» in Nashville, der berühmtesten Bühne der Country-Musik. Stephanies Empfang dort am 7. Mai 2019 war überwältigend, und sie seither als «Gastkünstler» des Grand Old Opry auch auf dessen Website gelistet.

Das andere ist der überraschende – und für Stephanie, die mittlerweile den Namen ihrer väterlichen Familie (Urbina) als zweiten Familiennamen führt, überwältigende – Erfolg ihres 2018 erschienen Albums «Tularosa». Denn immer noch vermarktet sie sich selbst, und kein Label unterstützt sie.

Doch sie tut das erfolgreich und überzeugend, und als wir sie zu der ersten Probe ihrer neuen Showband begleiten dürfen, wird klar warum: Stephanie integriert, sie verteilt konzentriert Rollen, sie bleibt auch in heiklen Momenten stets positiv, sie hört auf alle, die etwas Konstruktives beizutragen haben. Ganz offensichtlich schätzt sie die weiche, melodische Art ihrer neuen italienischen Kollegen sehr: «Was immer ich machen werde, ich will es mit Euch machen!», ruft sie ihnen begeistert zu.

Stephanie Urbina Jones in Frutigen: Hier bei der ersten Probe mit ihrer neuen italienischen Band im Keller des Hotels.

Und als wir die erste Probe am frühen Abend verlassen, war dies bereits ein tiefer Einblick in das sehr besondere Leben der Stephanie Urbina Jones. Eine einzigartige Kombination, eine Verschmelzung fast, zweier Kulturen, der texanischen und der mexikanischen.

Der Artikel ist am 20.8.2019 im „Frutigländer“ erschienen.

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