Bild und Holz

Am 3. August eröffnete die 23jährige Holzbildhauerin Alexandra Jungen («AlexandraArt») ihr Atelier in Reichenbach. Vor drei Jahren erst hatte sie ihre Ausbildung an der Holzbildhauerschule in Brienz abgeschlossen. Nach drei Jahren des Ausprobierens («ich weiss jetzt genau, was ich nicht machen möchte») wagte sie nach monatelanger Vorbereitung den Schritt in die Selbständigkeit.

Was hat sie dazu gebracht? Was befähigt sie zu dem beachtenswerten Beruf? Was erwartet sie von der Zukunft?

Das Talent: Gefördert von der Familie

Eigentlich hätte Alexandra genauso gut Bäuerin werden können, denn «Mit dem Vieh kann sie es!», ist ihr Vater überzeugt. Und die Mutter kommentiert nachdenklich, immer schon hätte sie alles gerne gezeichnet und sei ein wenig in sich gekehrt gewesen. Und oft, wenn die Familie beim Fernsehen sass, dann hat Alexandra gezeichnet.

Die Familie hat diesem Talent viel Raum gegeben und ihre Tochter rückhaltlos bei ihrer Berufswahl unterstützt. Das betont die junge Reichenbacher Holzbildhauerin selbst mehrfach. Und eine besondere Stütze ist auch ihr heutiger Freund, der ihr in vielen Dingen den Rücken freihält.

Alexandra Jungens Hauptaugenmerk gilt den Bewegungen und Körperhaltungen von Tieren und Menschen, eines der schwierigsten Dinge in der Bildhauerei. Ihre Motive findet sie in ihrer unmittelbaren Umgebung, vor allem in der Natur: «Suche nicht nach etwas, was Du schon lange hast!», erklärt sie ihre innere Abkehr von oberflächlichen Unterhaltungen. Zeit, ergänzt sie dann, die solle man nicht «vertreiben», sondern nutzen.

Die 23jährige Reichenbacher Holzbildhauerin Alexandra Jungen lacht gerne und viel (hier während der Atelier-Eröffnung am 3.8.).

Der Lehrherr: Prägende Kraft und Vorbild als Unternehmer

Auch Daniel Schild, ihr Lehrherr in den Jahren 2012 bis 2016, hat Talent und Hingabe der Bildhauerin und Holzschnitzerin erkannt. In freundschaftlicher Innigkeit begrüsste er sie anlässlich der Atelier-Eröffnung, am 3.8. in Reichenbach. Er war mit Frau und Mutter eigens aus Brienzwiler angereist.

Auch als Unternehmer habe er ihr immer Impulse geben wollen, und deshalb sei er da, äussert er sich im Gespräch. Es genüge heute keineswegs einen tollen, aber seltenen Beruf wie Bildhauer zu erlernen. Sondern man müsse eben auch wissen, wie man das Unternehmertum im Alltag gestalten könne und wie man am Markt erfolgreich sein kann.

Die Reichenbacher Holzbildhauerin Alexandra Jungen und ihr Lehrmeister Daniel Schild (Brienzwiler).

Die Schule: Nahezu einmalige Ausbildungsstätte

Das wesentliche Rüstzeug für ihren von Grund auf handwerklichen Beruf hat Alexandra Jungen in der bereits 1884 gegründeten «Schule für Holzbildhauerei» in Brienz gelernt. Die dortige Schule bietet heute jährlich 24 Ausbildungsplätze für Holzbildhauer/innen EFZ an und ist die einzige Institution in der Schweiz, in der das Holzbildhauerhandwerk erlernt werden kann.

Alexandra Junge hat sich dabei mit Fächern auseinandersetzen müssen, die vielfältiger kaum sein könnten: Schnitzen und der Umgang mit Holz waren selbstverständlich, aber wer denkt beim Beruf der Holzbildhauerin schon an Leistungskurse in Gips-Giessen oder Anatomie, in Kunstgeschichte, Ornamentik und Wappenkunde (Heraldik), oder an kaufmännische Grundkurse und Betriebswirtschaft und manches andere mehr.

Die tägliche Arbeit einer Holzbildhauerin vereinigt aber all diese Aspekte, und so konnte Alexandra Jungen in ihrer noch sehr jungen Ateliersgeschichte auch bereits (bezahlte) eigene Arbeiten unterschiedlichster Art durchführen: Freistehende Figuren, geschnitzte Jubiläums- und Gratulationsschilder, Renovierungsarbeiten an historischen Häusern, und natürlich die von ihr geliebten, als «Stabellen» bezeichneten Bauernstühle.

Die feinfühlige Arbeit einer Holzbildhauerin braucht viel Konzentration und Kraft.

Die Zukunft: In jedem Fall spannend

Alexandra Jungens Zukunft hat also bereits begonnen: Die «junge Frau Jungen» ist heute bereits eine kleine Unternehmerin, das sagt sie selbst. Und ein klein wenig stöhnt sie unter der Vielfalt der Aufgaben, die sie dabei zu bewältigen hat.

Doch ihre Atelier-Eröffnung am 3. 8. 2019 sieht sie als eine grosse Chance: Die frühere Bäckerei gegenüber der Reichenbacher Kirche bietet ihr nicht nur viel Raum für Werkstatt und Lager, sondern immer auch genügend Parkplätze für hoffentlich viele Besucher. Aber wer Talent hat, Freunde und einen guten Start, der darf auch auf gutes Gelingen hoffen!

Der Artikel wurde am 13.8.2019 im „Frutigländer“ veröffentlicht.

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