Höchster Weinstock des Simmentals in über 1000m Höhe

Wein: Er wird im Simmental so gerne getrunken wie auch anderswo in der Schweiz, und überall freut man sich schon auf den Jahrgang 2018, der verspricht, besonders gut zu werden. Doch Wein anbauen im Simmental, das scheint doch eher abwegig. Oder doch? Die Antwort ist überraschend: Denn heute – im Zuge des Klimawandels – scheint der Wein, ganz langsam, wieder im Vormarsch zu sein. Denn er war „früher“ schon einmal da, vor allem an den Hängen des unteren Simmentals. Aber der Reihe nach…

Wein wird – nachweislich – im unteren Simmental seit etwas über 50 Generationen angebaut, wissen Archäologen und Historiker. Das sind rund 1900 Jahre und scheint «Meilen» weit weg. Doch die einen, die Archäologen, haben Reste von Rebstöcken und Weingärten gefunden, die anderen, die Historiker, haben aus Namen und Inschriften und später dann auch aus Urkunden ablesen können, dass so manches auch mit dem Wein zu tun hatte. Der Ort Wimmis zum Beispiel. «Vendemias» habe das geheissen, was so heisst wie «an den Weinbergen gelegen».

„Weingrenze“ drastisch nach Norden verschoben

Wieder andere Historiker – aber in jüngster Zeit vor allem die in Geisenheim (Nähe Rüdesheim am deutschen Rhein) gelegene internationale Weinbauhochschule – weisen darauf hin, dass in den vergangenen zwei Jahrtausenden das Klima oft und derart krass wechselte, dass sensible Pflanzen wie die Weinrebe enorme Schwankungen in ihrer Verbreitung erlebten. Einer der wichtigsten Indikatoren sei dabei die «Nordgrenze» der Weinverbreitung, sie habe sich in den vergangenen 50 Jahren von Mainz (51. Breitengrad) nach Stockholm und Oslo (59. Breitengrad) verschoben.

Während dort der Dünger für die Weinreben aus den Algen der Ost- und Nordsee gewonnen wird, verwendete man – historisch nachweisbar – im Simmental seit frühester Zeit vor allem den Mist der bäuerlichen Betriebe zur Düngung der oft ein wenig kargen Böden.

Klimawandel und „Weinbau-Krimi“

Ein Blick zurück liest sich fast wie ein Weinbau-Krimi: Zur Zeit der Römer war es überall warm und fast ein wenig zu feucht für den Wein. Vor rund 1500 Jahren (die Römer waren gerade abgezogen und eine christlich geprägte Kultur begann) wurde es fast schlagartig kalt, sogar extrem kalt und schliesslich nass.

Schuld war das Zusammenwirken verschiedener Phänomene, u.a. eine Serie von global spürbaren Vulkanausbrüchen. Der Wanderungsdruck nach Süden (hin zur Wärme) nahm zu, und auch in die südlichen Täler der heutigen Schweiz (Wallis und Bündner Land) wanderten alemannische Bauern von Norden kommend ein.

Mittelalterliche Warmzeit und „Kleine Eiszeit“

Dann kam um das Jahr 900 herum die «mittelalterliche Warmzeit», die rund 350 Jahre andauerte und dem ganzen Kontinent eine Wärme bescherte, die noch alles Heutige ausstach: Und selbst in Köln wurden (nachweislich) Feigen reif. Der Bevölkerungsexplosion konnte nur durch so massive Rodungen begegnet werden, dass die Waldfläche auf dem ganzen Kontinent extrem abnahm.

Genau in dieser Zeit kommt es auch zu einer Explosion des Weinanbaus. Zusammen mit dem Aufkommen bürgerlicher Schichten werden – privater – Weinanbau mit der schon bestehenden Landwirtschaft verknüpft. Und schliesslich entstehen die grossen und kleinen Weinanbaugebiete der heutigen Schweiz, ganze Landschaften voller Weinreben (Genfer See) oder kleine Burggärten wie in Spiez. Oder eben auch am Schloss von Wimmis, wo das „Trüel“, die Trotte, aus dem 13. Jahrhundert davon zeugt, dass der Weinbau schon längst angefangen hat, mehr als nur ein privates Hobby zu sein.

Die spätestens ab ca. 1350 einsetzende «Zwischeneiszeit» beendet diese «genüsslichen» Lebensformen jedoch jäh. Noch 1312 taucht in der Zinsurkunde der Greyerzer Grafen für die Gegend um Gstaad das wärmebedürftige, wertvolle Getreide Hirse auf, doch das verschwand sehr schnell in Folge dieses frühneuzeitlichen ersten Klimawandels. Mühsam kam auch der Wein ins Simmental zurück.

Der Weinbau kehrt zurück

Und in den letzten Jahrzehnten, mitten in dem beginnenden Klimawandel unserer Tage, begann man zuerst in privaten Gärten und zu eigener Verwendung mit dem Rebbau. Einige Beispiele findet man rund um Erlenbach, zum Beispiel hinter der Kirche, wo schon seit mehreren Jahrzehnten über 20 verschiedene Rebsorten – klein und unscheinbar – beheimatet sind. Und nur zaghaft, und fast ein wenig zu touristischen Zwecken, baut man nun auch wieder gewerblich Wein an, wie in Spiez mit einigen noch aus der mittelalterlichen Warmzeit stammenden Gebäuden und Weinbergen.

Der höchst gelegene Weinstock des Simmentales aber, soweit das der Redaktion bekannt ist, der findet sich oberhalb von Diemtigen, bescheiden und unauffällig, an der Südwand einer Hütte. Auf der unfassbaren Höhe von rund 1030 m über dem Meer. Dort ist es vermutlich ebenso kalt wie in Stockholm. – Bevor man jedoch an den Hängen des Stockhorn Reben anbauen wird, fliesst vermutlich noch manches Schmelzwasser die Simme hinab.

Der Eingang zum Wimmiser «Räbbärgli» wird sorgsam gepflegt und in Stand gehalten.

Das Spiezer „Trüel“ (die Trottenscheune) geht auf das 13. Jahrhundert zurück.

Die vermutlich höchst gelegene Weinrebe des Simmen- bzw. Diemtigtales: Oberhalb von Diemtigen in rund 1040 m Höhe.

Der Spiezer Weinweg: Mitten durch eine neue Reblandschaft. Er dient sowohl Touristen als auch Einheimischen.

Wein wird in Erlenbach/Simmental (hier hinter der Kirche)  nicht nur privat angebaut, er wird auch reif, wie man an der beginnenden dunklen Einfärbung der Trauben schön sieht.

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