Appassionata

Leiden und Leidenschaft gehören auf eine oft schwer verständliche Weise zusammen. Leben und Leidenschaft gehören zusammen, und es ist oft vorhergehendes Leid, das nachfolgende Freude erst ermöglicht. – Der folgende, kleine Bericht beschreibt einen solchen Abend, an dem dieser tiefe Zusammenhang über viele Stunden spür- und hörbar war:

“Soll ich euren König kreuzigen?”:

Bachs Johannespassion als Höhepunkt der “Sommerakademie Thun 2018”

Als „Passionsmusik in fünf Bildern“ hatte der Präsident des Trägervereins der „Sommerakademie Thun“, der Theologe Theo Schaad, die „Johannespassion“ von J.S.Bach konzipiert und mit von ihm selbst neu formulierten Texten zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt, das am Freitag, dem 13. Juli 2018 in der Thuner Stadtkirche seine erste und bislang einmalige Aufführung fand.

Unter der künstlerischen Leitung von Absolventinnen und Absolventen des Dirigierkurses von Prof. Raphael Immoos (Musikhochschule Basel) führte der eigens zusammengestellte Chor der Sommerakademie Thun zusammen mit dem Ensemble „Musica Viva Schweiz“ (Leitung Miriam Dahli) und der Schauspielerin Dorothée Reize (Sprecherin) und unter gekonnter Beteiligung einiger auch dem Simmentaler Publikum bekannter oder hier arbeitender Künstler die wesentlichen Teile der von J.S. Bach komponierten Passionsmusik in einer beeindruckend intensiven Dramaturgie auf.

Den mehrheitlich auch im Simmental bekannten Solisten kam dabei naturgemäss eine Sonderrolle zu: Dorothée Reize beindruckte erneut (wie schon vor kurzem bei der „langen Nacht der Kirchen“ in Erlenbach) durch äusserste Professionalität ihres tief bewegenden Vortrags. Höhepunkt der dabei plastisch zu Tage tretenden, dramatischen Handlung der zugrundeliegenden Geschichte war dabei vielleicht das Verhör vor Pilatus, dem Statthalter der Römer, der schliesslich – gesprochen von der Darstellerin – erregt fragte: „Soll ich etwa euren König kreuzigen?!“.

Die Solistinnen und Solisten, die ehemalige Spiezerin Daniela Eaton-Freiburghaus (Sopran), sowie Jan Börner (als strahlend hell klingender Countertenor) und Ralf Ernst (Bassbariton) verliehen der Aufführung den künstlerischen Glanz grosser Konzertsäle. Doch erstaunlich gekonnt und mit grosser Genauigkeit musizierend gab der weitgehend aus Laien zusammengestellte Chor der Sommerakademie Thun dem Ganzen ein tragfähiges Fundament.

Einmalig war dabei, dass sechs Absolventinnen und Absolventen des Dirigierkurses von Prof. Immoos – darunter auch die Dirigentin des Kirchenchores Wimmis, Miriam Callegaro – die einzelnen Teile der Aufführung nacheinander dirigierten. Der Abend war damit gleichzeitig ein Anschauungs- und Hörbeispiel für das Zusammenwirken von Dirigent, Chor und Orchester in er künstlerisch tief überzeugenden Darbietung.

Und die Besucher der randvoll gefüllten Stadtkirche Thun, die der gesamten Aufführung gebannt beigewohnt hatten, wollten sich nach dem Ende des bei einem anschliessenden Open-Air-Apéro ausklingenden Konzertes kaum von dem beeindruckenden Erlebnis lösen. So blieb man noch bis zum Einbruch der sommerlichen Nacht zusammen: Mitwirkende, Künstler und ein tief bewegtes Publikum.

Die Solisten (hier die Sopranistin Daniela Eaton-Freiburghaus) gaben dem Abschlussabend der «Sommerakademie Thun» 2018 einen Glanz, den man sonst nur aus grossen Konzertsälen kennt.

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