Burgherren

Ein „Herr aller Schlösser“: Schlossführer Fritz Walther in Wimmis.

Auf jeden Fall ist er Herr über viele, eigentlich über alle Schlösser und die dazugehörigen Schlüssel in «seinem» Schloss: Der Wimmiser Schlossführer Fritz Walther offenbarte im April 2018 in einer sehr privaten Führung zu Beginn der touristischen Saison nicht nur die Geheimnisse und Kleinodien «seines» Schlosses. Er liess dazu noch tief in die eigene, hingebungsvolle und freundliche Seele blicken.

Eine sehr persönliche Geschichte

Als wir das Schloss an einem der noch kühlen und nassen Apriltage gemeinsam begehen, geht der frühere Präsident der reformierten Kirchgemeinde Wimmis weit über die Beschreibung des wohl wichtigsten militärisch-politischen Simmentaler Gebäudekomplexes der letzten Jahrhunderte hinaus: Als wir – geruhsam und nachdenklich – Stufe für Stufe der manchmal unendlich lange erscheinenden Treppen erklimmen, ist es, als ob er sein eigenes, ereignisreiches Leben mit dem des Ortes, der Kirche und der Burg bzw. dem Schloss verknüpft. Denn in jedem Raum erzählt er eine Geschichte, die er dort selbst erlebt hat. Oder er berichtet, wer ihm an welcher Stelle worüber Aufschluss gegeben hat. So wurde die Begehung zu einer Entdeckungsreise, in der sich die Menschen und die Geschichte der Region Wimmis sehr persönlich begegnen. Und der Schlossführer und «sein Schloss» werden dabei fast eins.

Wie Waben ineinander gebaut

Die vielen, fast unendlich vielen Renovationen des für Simmentaler Verhältnisse riesigen Gebäudekomplexes beschäftigen Fritz Walther, den «Herr der Schlüssel und Schlösser», immer wieder aufs Neue. Und eine Bauphase des Schlosses, das einmal als römischer Wachposten begann, nach der anderen setzt er im Laufe der Besichtigung zu einem immensen Puzzle zusammen, das am Ende – erst ganz am Ende des privaten Rundganges – ein Ganzes ergibt. Es ist ein wabenartig zusammengefügter Verwaltungs- und Herrschafts-Komplex der heute eine neue, eine moderne Funktion hat. Und akribisch erläutert Schlossführer Walther dabei die Notwendigkeit jeder einzelnen Entwicklungsphase, die Sicherheitsvorkehrungen die vor allem wegen des Besucherverkehrs notwendig sind, und er vergisst auch nicht die hohe Qualität selbst der ganz alten Hölzer im Dachgebälk des Bauwerkes.

Zollstation und Regionalgefängnis

Besonders beeindruckt aber scheint der engagierte Wimmiser von den Lebensbedingungen der Menschen zu sein, die in der Burg über Jahrhundert ihren Dienst taten. Oder die dort – zur Strafe – eingekerkert waren: Denn lange Zeit war im Schloss, dass zuerst als Kontroll- und Zollposten den unteren Talausgang des Simmentales bewachte, ein regionales Gefängnis und eine Polizeiwache untergebracht.

Und in den Frauenräumen des Gefängnisses, karg ausgestattet mit einem Strohsack im Bett, einem Tischchen samt Stuhl, einem Eimer für die Notdurft und einer Zwangsjacke an der Wand, kann man noch eine alte Schnitzerei lesen, sie wurde im Jahre 1818 von einer Insassin angebracht. Die unbekannte Frau umging so das Verbot des «Beschmierens»: Sie schnitzte einfach.

Kaltes Burgleben

Auch die Kälte, die am Begehungstag wie zur Bekräftigung der Ausführungen des Führers Fritz Walther drinnen wie draussen herrschte, sie war Anlass und Illustration gleichermassen für die für uns heute kaum vorstellbaren Lebensbedingungen auf einer mittelalterlichen Burg: Ein einziges, grosses Kamin beheizte Küche und zwei darüberliegende Wohnräume. Kühle und raue Zeiten damals.

Verwaltung der Waldgemeinde

Der Jahrzehnte als Ausbilder in der Suisse Romande tätige Schlossführer Walther führt am Ende noch in die Gegenwart: In die wunderschön hergerichteten Räume der heutigen Wald- und Forst-Verwaltung des Kantons, die Verwaltung der Waldgemeinde.

Und man meint einen Hauch Wehmut zu spüren, als er dort nach dem Verbleib «seines» Schlossmodells fragt, das er für seine sommerlichen Führungen, die in diesen Tagen begonnen haben, braucht, aber am Tag unserer Begehung partout nicht finden kann.

Die neuen «Herren» des Schlosses, die ihm dann weiterhelfen, arbeiten mit alltäglicher, «moderner Nüchternheit» an ihren Aufgaben, während der «Herr über die Schlösser» des Schlosses in Wimmis immerwährend in eine Ferne zu sehen scheint, die er nur erklärt, wenn man ihn fragt. Und es scheint dann, als kehre er aus dieser Ferne zögernd zurück, wenn er zu erzählen beginnt.

Dann aber nehmen die Bilder, die er mit seinen Worten malt, anscheinend kein Ende.